Highschool-Zeit

Wie es dazu kam, dass mir fette Stoßstangen an Autos gefallen …

 

Seit 1986 komme ich nun in regelmäßigen Abständen nach Los Angeles, Kalifornien - zum Teil mit Aufenthalten bis zu drei Monaten. 1987/1988 war ich dann zusammen mit meiner Familie für ein Jahr in einem Vorort von L.A., Woodland Hills, wo meine Schwester und ich zur High School gegangen sind. Natürlich habe ich mich schon damals für Autos interessiert, aber das Hauptaugenmerk hatte sich auf meine Hausmarke Audi und da insbesondere auf das Modelle Audi 100 LS konzentriert. Nachdem entschieden wurde, dass wir Kinder auch ein Auto bekämen, habe ich sofort nach alten Audi 100 Ausschau gehalten, war aber auf leidliches Desinteresse der anderen beteiligten Personen in der Familie gestoßen. Als Alternative schwebte mir ein VW 411/412 vor, den ich schon immer toll fand.

 

          das erste eigene Auto zum Cruisen durch L.A.: VW 1600 LE Squareback

 

 

Letztendlich ist es durch eine abendliche Hauruckaktion im Dunkeln ein 1969er VW 1600 LE Variant geworden (hier bekannt als Squareback), der, wie sich schnell herausstellte, eigentlich eine totale Schrottkiste war. Unfälle, Dellen, schlechter Lack, losgerostete Sitzschiene (haben wir damals noch beim VW Dealer bekommen), Riss des Kupplungsseils auf dem Freeway im Stop-and-Go-Verkehr, undichte Spritleitungen zu den Einspritzdüsen, teilweises Aussetzen der Maschine und kein Starten, heftige Inkontinenz des Motors (großer schwarzer Teppich in der Hofeinfahrt), Lenkradspiel wie ein Ozeandampfer, Synchronisation vom 2. Gang kaputt (nur mit Zwischengas einzulegen, wenn kalt – hat uns unser Onkel damals beigebracht und wende ich heute immer noch an). Die Gurte waren so mies, dass ich sie gleich ausgebaut habe, Eintritt von Auspuffgasen durch leichten Heckschaden, und so weiter. Irgendwie lief er aber doch immer und wir liebten unseren Kübel sehr. Natürlich sind wir viel herumgefahren und ich habe damals gelernt, nicht nur auf die Straße zu gucken, sondern zur gleichen Zeit auch in sämtliche Hofeinfahrten und Querstraßen, was im Nachhinein eine große logistische Leistung ist, wenn man bedenkt, wie sehr man aufpassen musste, den herunter gerittenen Squareback gerade noch auf der Straße zu halten und gleichzeitig richtig zu bedienen. Das kann ich heute immer noch gut und so habe ich schon damals viele versteckte Autos entdeckt.

 

dem "Volks" wurde nochmal eine Lackierung spendiert

 

 

Jedenfalls sind anno '88 noch ein paar Audi 100 (F104) unterwegs gewesen, obwohl sie schon damals sehr selten waren. Hauptsächlich die Modelle von '74 bis '77 mit den dicken Stoßstangen waren hin und wieder zu sehen, ganz wenige noch mit den alten kleinen europäischen Stangen. Damals haben mir die kleinen Stangen besser gefallen (sie sind optisch wirklich schöner), aber irgendwie hat mich die Andersartigkeit der Fahrzeuge mit den dicken Stoßstangen in Beschlag genommen. Ich habe heute noch die Bilder von der Lehrerin im Kopf, die jeden Morgen mit ihrem '82er Audi 5000 turbo zum Lehrerparkplatz gefahren ist und ihn dort neben einem '69 Dodge Charger geparkt hat. Auch die '78-'79er Modelle vom Audi 5000, die Doppelscheinwerfer, dicke Stangen und rote Rücklichter hatten, sind mir damals mehr und mehr aufgefallen.

 

Zurück in Deutschland habe ich dann darüber nicht weiter nachgedacht, aber als ich Anfang '92 einen '82er Audi 200 5E bekommen hatte, entstand die Idee, mir ein bisschen „Andersartigkeit“ in meinen Wagen einzubauen. Als ich dann im August wieder drüben in L.A. war, habe ich mir ein paar Utensilien von einem alten und neuen 5000er auf einem Selbst-Ausbau-Schrottplatz (der dem Webmaster bestens bekannt ist) besorgt. So erhielt mein deutscher 200er damals wohl als erster Wagen überhaupt US-Rückleuchten (mit den integrierten Sidemarkers). In die orangene Seite der Scheinwerferbrillen wollte ich die Birnenfassung vom alten 5000er einfügen, was aus Platzgründen zum Scheinwerfer nicht ging, aber nach einigem Ausprobieren konnte ich das letztlich mit Mazda Birnenfassungen umsetzen. In die Blinkergehäuse wurden Birnen mit 2 Faden eingesetzt (parking light und Blinker). Am Heckdeckel prangte natürlich dann auch der Schriftzug Audi 5000 turbo. US-Kennzeichen im Heckfenster waren obligatorisch. Ferner erhielt der Wagen noch einen Hurst T-Handle Shifter, und 5000er Color-Ausstellfenster sowie Colorglas insgesamt. Außerdem habe ich noch das Displayblättchen einer turbo Ladedruckanzeige auf das Anzeigengehäuse der Economyanzeige aufgelötet, eine turbo Lenkradprallplatte eingesetzt und die Scheinwerfer so umgerüstet, dass 4-fach Standlicht (noch vor BMW), 4-fach Abblendlicht und 4-fach Fernlicht vorhanden waren. Damals war das alles noch so richtig illegal, aber Ärger mit der Polizei hatte ich wegen der Beleuchtung nie. Nur dicke Stoßstangen waren nicht aufzutreiben. Beim Verkauf des Wagens wurden die ganzen „Goodies“ natürlich wieder ausgebaut; ich habe sie noch heute.

 

Jedenfalls hat dieser Umbau mein Interesse an der Verschiedenheit der US-Modelle im Vergleich zu den deutschen Versionen noch zusätzlich verstärkt. Mir war schon damals klar, dass ich irgendwann einen alten Ami-Audi haben musste, habe das in den folgenden Jahren auch auf Treffen immer kundgetan und war somit sozusagen die Initialzündung für die Wahrnehmung von US-Audis in Deutschland. Seinerzeit hat das zwar kaum jemand von den Audi Enthusiasten interessiert, aber einige haben schon die Ohren gespitzt, als sie hörten, was es da in den Staaten für Modelle gab. Das (damalige alte) Audi Museum hatte just zu dieser Zeit ein paar alte US 100er schlachten lassen, obwohl man dort mein Interesse für die Spezialmodelle kannte.

 

Erst 1996 habe ich den ersten Audi 100(F104) geholt, 1997 den zweiten. Zwischendurch hatte ein Markenkollege dem Beispiel folgend auch einen mitgenommen. Allerdings erst im neuen Jahrtausend ist die Zahl der reimportierten alten Audis angestiegen. Das Interesse steigt immer dann an, wenn die Fahrzeuge nahezu verschwunden sind. In den Jahren 1996-1998 habe ich noch sehr häufig Audi 5000 Typ 43 im Alltag gesehen, die im sehr guten Zustand waren. Leisten wollte sich das damals keiner.

 

Mitgenommen habe ich jeweils einen Audi 100LS Fuelinjection, beide Baujahr '75, mit Klima, Servolenkung, Color und Kunstledersitzen. Wie oben erwähnt, konnte es nur ein Modell zwischen '75 und '77 sein, denn dieser Wagen hatte mit dem deutschen Modell nur die Motorhaube, den Haubenöffner und den Heckdeckel gemeinsam (übertrieben gesagt, es waren natürlich schon ein paar Teile mehr), während sich die Unterschiede der Modelle bis '73 mehr unter dem Blech verbargen, aber eben nicht so offensichtlich waren. Beide Autos waren natürlich bis unter das Dach vollgepackt mit speziellen US-Teilen. Hier ein paar Unterschiede der F.I-Version, die in Deutschland definitiv nicht zu bestellen waren: dicke Stoßstangen mit Pralldämpfern, deutlich verstärkte Rahmen zur Aufnahme dieser im Motor- und Kofferraum, speziell gelochtes Frontblech für die Klimaanlage (auch bei Fahrzeugen ohne Klima), Türen mit Seitenaufprallschutz (sind etwa doppelt so schwer wie die Türen der deutschen Modelle), absperrbares Handschuhfach, Warnton beim Steckenlassen des Schlüssels und bei nichtangelegtem Gurt, Motor mit K-Jetronic CIS Einspritzung, Elektrolüfter bei den großen Motoren, zusätzlich gesicherte Frontscheibendichtung, ungeregelter Katalysator (nur bei California-Modellen, sonst „Luftpumpe“ statt Kat für die restlichen 49 Staaten), Sidemarkers und einen Einheitsschlüssel für Zündung und Türen.

 

 

Fette Stoßstangen wohin das Auge reicht!

 

 

Bevor ich aber die beiden Fahrzeuge aus L.A. mitgenommen habe, hatte ich mir bereits mein eigenes US Modell in München gebaut (siehe Bericht "Chromobil"). Die Stoßstangen stammten von einer '76er US-Karosserie mit komplett deutscher Technik, den ein Kollege in einem Vorgarten gefunden und gegen ein Audi 200 turbo-Getriebe von mir getauscht hatte. Der Wagen war leider nicht zu retten (hoffnungslos verrostet), aber die fetten Stoßstangen hängen noch heute an meinen „Chromobil“ und erzeugen dort durchaus einen gewissen Respekt bei anderen Verkehrsteilnehmern. Man sieht deutlich, dass die Dinger aus massivem Aluminium sind und bei Berührung garantiert nicht nachgeben, wie so mancher unachtsamer Verkehrsteilnehmer zu seinem eigenen selbstverschuldeten Schaden feststellen musste.

 

 

 

Treffen in Dingolfing:  die beiden selbst importierten Audi F104, Chromobil und der Typ 81 vom Onkel

 

 

Tja, das ist die Geschichte, wie man zur Leidenschaft für US-Modellen europäischer Abstammung kommt. Für mich sind sie alle ein Zeichen besonderer Technik und erinnern mich immer wieder an meine (hoffentlich noch) vielen Aufenthalte hier in meiner zweiten Heimatstadt Los Angeles, denn eines kann ich mit Sicherheit sagen: ich habe wahrscheinlich jedes noch so obskures und ultra-seltenes offizielles US-Modell europäischer Hersteller der 70er und 80er Jahre gesehen (vom Fiat Strada bis zum Renault R17). Schade ist nur, dass niemand das Geld aufbringt, so seltene Stücke wie frühe VW Dasher, Quantums oder BMW E3 oder frühe 7er Limousinen aus den USA zu holen. Pflegt eure Raritäten also und lasst sie ihren US-Style behalten, auch wenn es manchmal komisch aussieht. Mir jedenfalls gefällt die massivere und stabilere Erscheinung der Fahrzeuge enorm. Normale Stoßstangen hat ja jeder an seinem Oldie, wir aber haben eben die „dicksten Dinger“!

 

Alex Huss

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