'88 BMW 325 E30

 

BMW 325 E30 in Los Angeles (von Alex Huss)

Eigentlich hatte BMW nie eine wirkliche Rolle im Autofahrerleben in unserer Familie gespielt. Mein Vater hatte zwar nach Lloyd zwei Glas in seiner Studentenzeit, aber mit Gründung der Familie wurde dann 1970 ein Audi 100 LS angeschafft und 11 Jahre lang gefahren. Mitte der 80er Jahre kam nach Mercedes W116 ein ‘83er BMW 728i als Firmenwagen ins Haus. Auch im Rückblick muss ich sagen, dass dies ein toller Wagen war. Groß und doch sportlich und schnell, jedenfalls wusste mein Vater immer, wie man auch noch die letzten PS mobilisiert, allerdings zum Leidwesen unserer Mutter und oft auch uns Kindern.

Ende der 80er Jahre lernte er dann seine zweite Frau in Los Angeles kennen, die die BMW-Leidenschaft mitbrachte. Ihr Lieblingsauto (bis heute) ist ein BMW 2002, den sie auch tatsächlich einmal hatte. Zum Zeitpunkt des Kennenlernens fuhr sie einen ‘82er BMW 320i in dunkelblaumetallic, der ihr 1991 oder 1992 nachts vor der Haustür geklaut wurde. Damit stellte sich eine längere Pause ein, in der zuletzt ein ‘89er Oldsmobile Cutlass seinen Dienst tat. Im Hinterkopf blieb aber immer der Wunsch nach einem BMW bestehen und nachdem 1999 ein Kunde von unserem Nachbar hier, der eine Autowerkstatt betrieb, seinen BMW verkaufen wollte, schlugen sie zu.

Das Auto, ein 1988er BMW 325, war damals 11 Jahre alt, lief 60 kmiles und kostete 6000 Dollar. Seinerzeit dachte ich, dass das zu teuer sei, aber mit meinen jetzigen Kenntnissen verstehe ich, dass es damals durchaus ein sehr gutes Angebot war und die Entscheidung, den Wagen zu nehmen, obwohl meine Eltern zu der Zeit für einige Jahre in Paris waren, richtig war.

Immerhin hatte er ja Vollausstattung, bis auf Leder und erfreulicherweise ein 5-Gang-Getriebe, d.h. es war ein schicker 2-tuerer mit Klima, SSD samt Hochstellfunktion, Kunstleder, E-Fenster, ZV, Bordcomputer und Alufelgen. Lustigerweise hatte er noch die dicken Alustosstangen, während kurz danach dann die kleinen Euro-Stangen für die US-Modelle am E30 verbaut wurden. Ausserdem hat er den 2,7 Liter Eta-Sparmotor mit 140 PS drin, wobei von uebtriebener Sparsamkeit nicht unbedingt die Rede sein kann. 

 

 

Anfangs war ja auch noch der Olds vorhanden, den ich dann während meiner Aufenthalte in L.A. gefahren habe, denn der BMW war das absolute Schätzchen meiner Stiefmutter und damit tabu. Nach der Rückkehr meiner Eltern nach LA wurde der Olds irgendwann verkauft und nur noch der BMW bewegt. Eigentlich wurde hier fast nur lokal herumgefahren, trotzdem zeigte der Tacho dann doch mal über 100 kmiles an. Jetzt müssten es um die 110-115 kmiles sein (der Kilometerzähler streikt seit gewisser Zeit).

Probleme gab es eigentlich keine größeren, eher Standardsachen wie Bremsen, Auspuff und manchmal spinnt der Rechner für den Motor (Sägezahnleerlauf), aber ansonsten muss ich sagen, hat der Wagen gut durchgehalten. Das ist vor allem auch deswegen eine Leistung, weil mein Vater fahrtechnisch gesehen zwar hervorragend war, aber eben auch etwas ruppig bis zeitweilig materialmordend über einen längeren Zeitraum mit Autos umging.

Der rote Lack am BMW liess jetzt langsam an unterschiedlichen Stellen deutlich nach und der Fahrersitz zeigte links an der Sitzfläche Absenkungserscheinungen, aber ansonsten war der Wagen immer noch gut beieinander und zuverlässig. Zumindest bis zu jener Nacht Ende 2007, als mein Vater um 2 Uhr morgens vom Santa Monica Hospital nach Hause fuhr und urplötzlich auf der rechten Seite getroffen wurde, das Auto sich um 180 Grad drehte und auch noch vorne links unten mit dem Spoiler an den Randstein krachte. Die Verursacherin, eine junge Frau in ihren fruehen 20er Jahren, war leicht angetrunken und kam regelwidrig verkehrt aus einer Einbahnstrasse heraus, hat dazu auch nicht geschaut und dann einen Volltreffer gelandet. Mein Vater hatte sie auch nicht kommen sehen, denn erstens hatte er gerade andere Dinge im Kopf und zweitens war es ja eine schlecht einsehbare Einbahnstrasse, bei der man nicht mit herausfahrenden Autos rechnen musste. So ein saublöder Zufall, denn um die Uhrzeit sind in Santa Monica und in L.A. unter der Woche nachts die Straßen gespenstisch leer. Den Treffer kann man quasi genauso bewerten, als wenn man alleine in der Wueste steht, genau ein Vogel in der Luft ist, und der es auch noch schafft, mit seinen herunterfallenden Hinterlassenschaften eben jene einzelne Person zu beschmutzen.

Mindestens genauso bemerkenswert ist es aber auch, dass der BMW bei einer Geschwindigkeit von ca 40-50 kmh so genau in der Mitte getroffen wurde, dass praktisch „nur ein Blechschaden“ verursacht wurde, aber die Achsen nichts abbekommen haben. So einen akkuraten Treffer bekommen noch nicht mal Stuntfahrer hin, und die können das immerhin vorher berechnen und ausprobieren. Der Einschlag war trotzdem enorm. Er fing am hinteren Ende vom Kotflügel an, ging über die Tür weiter und hatte seinen Tiefstpunkt an der Stelle, wo die Tür an der B-Säule einrastet. Die Säule war soweit eingedrückt, dass sie auch noch die Rückenlehne vom Beifahrersitz nach innen geschoben hat. Das Seitenteil schloss sich dem an, es schaute dann bloß noch das Hinterrad heraus. Auf der Seitenflanke des Reifens habe ich nur Schleifspuren gefunden, aber sonst war alles ok. Meinem Vater ging es gut, er hatte bei solchen Sachen immer einen kühlen Kopf.

 

 

 

Die Versicherung vom Mädel hat zuerst 2200 Dollar fuer den Schaden bezahlt, und dann noch mal 400 Dollar dazugegeben, weil meine Eltern den Wagen behalten haben. In den USA ist es nämlich so, dass bei einem Totalschaden die gegnerische Versicherung den Wagen zum Marktwert vor dem Unfall sozusagen „abkauft“. Wenn man den Wagen aber behalten will, muss man ihn zum Restwert zurückkaufen. Nachdem der hier aber Schrott war und mit dem Schaden nicht mehr verkaufbar gewesen wäre, hat sich die Versicherung gefreut, den Vorgang (Abholung, Verschrottung) nicht selbst abwickeln zu müssen und hat so diese 400 Dollar als Belohnung oben draufgelegt. Ich hatte meine Eltern überredet, den BMW zu behalten, damit ich bei meinem nächsten Besuch in L.A. versuchen könnte, den Schaden irgendwie zu flicken, denn der Wagen war ja immer sehr zuverlässig gewesen, und ein Ersatzwagen konnte ja nicht schaden. Auch wenn er nicht mehr schön werden würde, so wussten wir zumindest, was wir an ihm hatten. Im Nachhinein gesehen war mein Plan eigentlich naiv, aber verschrotten hätten wir ihn immer noch können, wenn es nicht geklappt hätte.

Im März 2008 habe ich nach einigem Herumfragen tatsächlich eine Karosseriewerkstatt in Hermosa Beach gefunden, die mich deren Richtbank und deren Werkzeug nutzen ließ. Das ist schon deswegen ein Wunder, weil man hier jederzeit mit einer Klage rechnen muss, wenn etwas schief geht, und die Werkstattversicherung hätte meine Arbeit sicher nicht abgedeckt. Auch in Deutschland wäre so etwas unwahrscheinlich, aber es gibt zumindest Hobbywerkstätten, die es hier nicht gibt. Möglich war das nur, weil gegenüber die Audi-Werkstatt war, dessen Besitzer Bob ich gut kenne, der dann die Connection herstellte und ich mich als gelernten Karosseriebauer vorgestellt habe.

Wir haben dann einen festen Termin ausgemacht und natürlich hatte ich vorher schon eine Tür vom Schrott geholt. Als ich dann zum besagten Termin dorthin gegangen bin, haben alle Mitarbeiter des Body Shops nur den Kopf geschüttelt und gesagt, dass ich es nie schaffen würde, das ganze zumindest wieder so hinzubiegen, dass die Tür schließt und das Auto wieder normal einsatzfähig werden würde. Aber genau das war mein Ziel - ich wollte keine Reparatur im deutschen Sinne, sondern nur wieder ein voll nutzbares Fahrzeug, Aussehen sollte keine hervorgehobene Priorität haben. Im Übrigen haben auch meine Eltern nicht an den Erfolg geglaubt, aber sie haben sich gedacht: „lass ihn mal machen“.

Auf- und Abbau der Richtbank, sowie die Befestigung des Wagens haben jeweils ca. 1h gedauert, aber dann ging es los. Letztendlich habe ich 4 Stunden auf der Bank verbracht, teilweise am Rand meiner Kräfte, durch Zeitdruck, durch ständiges Rauf- und Herunterheben der Tür aus 1,5 m Höhe, und wer Karosseriebauer ist, der weiß, wie oft man immer wieder nacharbeiten muss, bis etwas passt. Und zum Nacharbeiten gab es wirklich viel. Einer der Kollegen dort hat mir dann irgendwann einen richtig schweren Hammer hingelegt, als er gesehen hat, dass ich tatsächlich Fortschritte mache und ich mit den kleinen Haemmern nicht mehr weiterkomme. Am Schluss konnte ich den Hammer nur noch mit beiden Händen heben und schwingen.

 

 

Nach der Aktion haben dort wieder alle den Kopf geschüttelt, weil sie es nicht glauben konnten, dass es doch geklappt hat. Auch heute noch grinsen sie mich mit Respekt an, wenn ich zu Besuch bei Bob in der Audi-Werkstatt bin und drüben vorbeischaue. „Well, look at the red BMW, it’s still driving!“, ist dann der Tenor. Am nächsten Tag habe ich dann noch etwas gespachtelt und das ganze mit einer Spraydose lackiert. Kurz darauf habe ich noch eine rote Tür vom Schrott geholt, habe alles umgebaut, und seit dem läuft der Wagen wieder ganz normal. Die Wiederanmeldung auf meine Eltern hat dann auch noch einige Umstaende verursacht (smog test, brake&light certificate).

Klar schaut die Reparatur nicht schön aus. Und weil ich zwei Fehler gemacht habe, steht die Tür oben etwas ab und es regnet herein (wenn es denn mal regnet), aber ich habe es zumindest geschafft, mit einem absoluten Minimum an Aufwand (Zeit, Teile, Geld und Umstände), den Wagen wieder in einen voll nutzbaren Zustand zu versetzen. Man koennte auch zeitwertgerechte Reparatur dazu sagen. Wer L.A. kennt, der weiss, dass ich hier nicht der einzige bin, der seinen Wagen ungeachtet vom Aussehen wieder zusammengeflickt hat. Der TUV wuerde hier einen Herzanfall bekommen, aber trotzdem habe ich versucht, zumindest etwas deutsche Gruendlichkeit in den Pfusch mit einzubringen.

Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass es eine gute Idee war, die Kiste wieder herzurichten, denn der Nachfolger, den mein Vater als Ersatz gekauft hatte, ein 1994er BMW 540i, wurde 1,5 Jahre später wieder bei einem Unfall aus dem Verkehr gezogen. Den habe ich allerdings nicht mehr repariert, er wurde dann im Dezember 2009 durch einen 1996er BMW 328i Coupe mit 34 kmiles ersetzt. Zwischenzeitlich wurde eben der rote BMW wieder als Hauptfahrzeug genutzt.

Jetzt dient er meiner Schwester und mir für unsere Aufenthalte hier in Los Angeles. Obwohl ich eher ein Audi-Fan bin, genieße ich es doch sehr, mit dem Roten zu fahren, denn er ist ausreichend schnell, aber nicht zu groß, trotzdem mit genügend Platz, und mit dem offensichtlich schlechten Zustand auf der rechten Seite kann ich überall hinfahren, ohne Angst um den Wagen haben zu müssen. Auch der 1000 Meilen Trip nach Arizona letztes Jahr war überhaupt kein Problem, nur auf Dauer etwas laut wegen der offenstehenden Tür, aber was soll’s. Ich habe dafür die Musik lauter aufgedreht. Für mich hier absolut der perfekte Wagen, zumal ich ja sowieso ein starkes Faible für alte Autos habe, denen man die Narben der Zeit anerkennt.

 

 

Neulich hat er neues Öl, neue Kerzen und einen neuen Zahnriemen bekommen. Man sieht also, dass wir vorhaben, den Roten noch länger zu fahren, wenn nicht wieder mal unerwartete Dinge passieren (es reicht jetzt allerdings mit den Unfällen), oder keine teure Reparaturen anstehen, die ich nicht selbst erledigen kann. Der Smog test alle 2 Jahre birgt zumindest eine gewisse Spannung in sich, denn das ist mittlerweile eine wackelige Geschichte bei dem Wagen. Ohne bestandenem Smog test ist keine weitere Zulassungsverlaengerung moeglich. Jetzt weiss man auch, warum man auf den Schrottplätzen teilweise super aussehende Fahrzeuge findet und man sich fragt, warum die hier sind. Den Leuten sind eventuelle Reparaturen mit ungewissem Ausgang zu teuer und der Staat legt auch noch 1500 Dollar drauf. Deswegen landen eben auch Topautos auf dem Schrott (siehe Rubrik „Junk Yards -> Impressionen“ auf dieser Webseite), deren Zustand um Lichtjahre besser ist als der vom Roten.

Und so hat der rote BMW 325 überlebt und freut sich seines Lebens, obwohl es ihn eigentlich nicht mehr geben dürfte. Selbst einen Neuwagen hätte mit dem Schaden keiner mehr angefasst.

 

Und hier gibt es noch eine Fahraufnahme zu sehen, Unweit vom großen Containerhafen von Long Beach. 

 

Schönen Gruß von der West Coast,

Alex Huss

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