'84 VW Quantum GL

Das Einzelstück - der Quantum GL Diesel

Text von Tilman Grund

 

Es gibt hochglanzpolierte Sammlerstücke, bei denen jeder Meter mehr auf dem Tacho eigentlich zu schade ist - und es gibt in Würde gealterte Dauerläufer, die nach vielfacher Umdrehung des Kilometerstands aufgrund guter Pflege der langjährigen Besitzer zwar noch ganz gut dastehen, aber dennoch deutlich die Spuren der Jahre zeigen: alte Kämpfer, die geradezu Unsterblichkeit suggerieren. Von einem der letztgenannten Exemplare handelt der folgende Text, von einem Volkswagen in US-Spezifikation, der nicht nur niemals in New York war, sondern überhaupt nie den Kontinent seiner Geburt und Good Old Germany verlassen hat, um über den großen Ozean zu fahren. Ursprünglich für ein eher frühes Ende vorgesehen, überlebte ausgerechnet dieser Wagen die meisten seiner Produktionsgeschwister...

 

Der Alte: Nach über 400.000km noch einmal mit roter Wolfsburger Nummer - wie 1984. Fotografiert keine 20km von der Volkswagen Forschung und Entwicklung

 

Nachdem ich 1999 zum Studium nach Braunschweig zog, fuhr ich noch viel an den Wochenenden nach Hause. Mein Weg führte mich über die B1, und bei einer Ortsdurchfahrt sah ich ihn immer wieder stehen - es handelte sich nicht um einen Santana, sondern um ein noch exotisches US-Modell, einen diamantsilberfarbenen Quantum. Direkt daneben bzw. auf dem gleichen Parkplatz stand ein dunkelroter Passat C 32b Stufenheck, also das deutsche Faceliftmodell der gleichen Karosserie. Wann immer ich dort vorbeikam, habe ich mir den Hals verrenkt: Stand der Quantum vor der Tür...? An Freitagen war er nicht immer da, genauso wie Sonnabends - die überwiegende Zahl der Sonntage jedoch stand er auf seinem Platz, so dass ich auf der Rückfahrt nach Braunschweig meistens beruhigt sein konnte: Der Besitzer hatte den Wagen noch nicht verkauft. Dies erfreute mich umso mehr, als ich schon fürchtete, dass das rote Stufenheck eventuell eine Ablösung darstellen sollte. Einen echten Quantum durch ein Passat Stufenheck in Basisausstattung ersetzen...? Das konnte doch wohl nicht ernstgemeint sein!?

 

Doch der Quantum blieb, und lange standen beide Autos einträchtig nebeneinander. Handelte es sich vielleicht um einen Vater mit dem alten Quantum, dessen Sohn den elterlichen Wagen so schätzen gelernt hatte, dass er sich einen technischen Verwandten zugelegt hatte? Irgendwann nahm ich mir ein paar Minuten, hielt an und schaute mir im Schutze der Dunkelheit den Quantum näher an. Es handelte sich um die "GL"-Version, ab Werk ausgestattet mit ZV, elektrischen Fenstern und elektrischen Spiegeln. Der Besitzer, so viel stand fest, kümmerte sich offenbar liebevoll um den Wagen. Von dem wenigen her, was ich flüchtig im Dunkeln erkennen konnte, war er hier und dort überlackiert worden und sicher nicht mehr 100% original, aber er wurde wohl gut umsorgt und trotz seines Alters sehr geschätzt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der Besitzer den Wagen nicht so schnell verkaufen würde.

 

 

Get into my car: Unter den seit 1988 verbauten Schonbezügen verbergen sich...

 

... makellose Sitzbezüge, die dank der Colorverglasung kein bißchen ausgeblichen sind!

  

In der Zwischenzeit hatte ich als reger Teilnehmer am Braunschweiger Straßenverkehr Gelegenheit, den Wagen des öfteren zu sehen. Jedes Mal freute ich mich, konnte ihn aber immer nur fahren sehen - nie parkte er irgendwo. Die Nähe der Sichtungen zum Braunschweiger VW-Werk ließ mich vermuten, dass der Besitzer möglicherweise dort arbeitete...

 

Die Jahre gingen ins Land, aber kein einziges Mal fuhr ich durch jenen Ort, ohne mir unterwegs den Hals nach dem Quantum zu verdrehen. Mal war er da, mal war er nicht da - und jedes Mal wieder war ich beruhigt, wenn er nach einmaliger oder auch mehrfacher Abwesenheit wieder auftauchte. Über die Jahre fuhr ich mit meinem Alltags-Passat Trophy dort vorbei, ich fuhr mit meinem lhasagrünen Santana GX5 vorbei, und schließlich fuhr ich nach Ablösung des Passat als Alltagsauto mit meinem silbernen Santana GX Turbodiesel dort vorbei: Stets freute ich mich über den Anblick des Quantums, auch nachdem das rote Passat C Stufenheck zwischenzeitlich auf Nimmerwiedersehen verschwunden war.

 

Shine a light: Die ausgefallene Cockpitbeleuchtung wurde durch einen Seitenblinker eines japanischen Kleinwagens ersetzt - Blendung pur.

 

Inzwischen hatte ich festgestellt, dass es im Ort einen Schrottplatz gab, und dieser wurde in ziemlich großen Abständen immer wieder angesteuert, ohne allerdings auf besondere Raritäten zu stoßen. An einem Sonnabend im Juni 2006, das Studium war längst beendet, fuhr ich nach längerer Zeit im silbernen TD wieder durch den Ort, der Quantum war nicht zuhause - wie immer machte sich eine leichte Unsicherheit breit: Es war doch hoffentlich alles in Ordnung mit ihm...? - Am Ende des Ortes bog ich rechts ab in Richtung Schrottplatz, und genau dort stand er - der Quantum. Wollte der Besitzer ihn gerade verschrotten oder erkundigte sich womöglich nach der Verschrottung? Hier musste schnell gehandelt werden! Also wurde der Santana TD dahinter geparkt, ein paar Fotos der gleichfarbigen Autos entstanden, und dann wurde auf dem Schrottplatz nach dem Besitzer gesucht - nachdem nur eine einsame Person zwischen den Autos lief, fiel eine Ansprache recht leicht... - "Sind sie der Mann mit dem Quantum?". Er bejahte und begann zu erzählen. Im Folgenden erfuhr ich die Geschichte des Wagens: 1984 wurde der Quantum als Versuchswagen auf die damalige Volkswagenwerk AG in Wolfsburg zugelassen, die interne Auslieferung erfolgte an "Fuhrpark FE (Forschung und Entwicklung) - Geschäftsfahrzeuge". 1985/1986 wurden bei VW Versuche mit ladeluftgekühlten Turbodieselmotoren gefahren, eine Kleinserie von Passat mit 80PS-TD Motoren gebaut, die allerdings später meist nur noch an den Schlüsselnummern zu erkennen waren, denn soweit diese Fahrzeuge in den Handel gelangten und nicht am Ende der Erprobungen verschrottet wurden, bekamen Sie vor dem Verkauf an Händler und Privatleute andere Motoren, in der Regel normale 70PS-Turbodiesel (die ladeluftgekühlten TD-Motoren gab es später im Golf II und Passat 35i).

 

Resterampe: Die kastrierten Tasten der Klimaanlage wurden vom Händler mit selbstgebauten Blindstopfen verschlossen - das originale "Heidelberg" liegt im Kofferraum

 

Ende 1987 wurde der Quantum durch VW nicht verschrottet, wie häufig bei Versuchsfahrzeugen üblich, sondern verkauft, allerdings ohne Motor bzw. mit der Auflage an den Braunschweiger Händler, den Wagen mit einem anderen Motor auszustatten - was sich damals genau abspielte, lässt sich heute leider nicht mehr feststellen. Die Geschehnisse in den Jahren 1985/1986 lassen aber vermuten, dass auch in dem Quantum testweise andere Motoren wie z.B. oben erwähnte TD mit Ladeluftkühler verbaut wurden. Der V.A.G.-Händler in Braunschweig verbaute einen Saugdieselmotor mit 54PS aus einem relativ neuen Unfall-Passat und "halbierte" die Klimaanlage - seitdem funktioniert lediglich die unterdruckbetätigte Klappensteuerung für die Lüftungsanlage, der Kühlungsteil aus Kompressor und weiteren Teilen wurde entfernt bzw. war bereits durch den Ausbau des Motors verlustig gegangen. Auch der beim Quantum TD vorhandene Tempomat wurde stillgelegt, lediglich der entsprechende, steil nach links oben ragende Blinkerschalter blieb im Wagen. Ein deutscher Tacho wurde verbaut. Das Fahrzeug erhielt deutsche Santana-Rückleuchten und verlor den US-spezifischen hinteren Nummernschildträger, die Sealed-Beam-Scheinwerfer wurden gegen solche mit asymmetrischem Abblendlicht ausgetauscht, und auch die vorderen Blinker erfuhren eine Sonderbehandlung: Die Quantum-Blinker wurden komplett Ihres Innenlebens beraubt, und ein simpler Golf-Blinker wurde mit der Streuscheibe vor und mit dem Innenleben hinter die Quantum-Streuscheibe geschraubt, die auf diese Weise irreparabel zerstört wurde.

 

Im März 1988, etwa ein halbes Jahr nach dem Ausscheiden bei VW, kaufte der Zweit- bzw. private Erstbesitzer, ein VW-Werksangehöriger, der im Werk BS arbeitete, den nunmehr nicht mehr zwangsbeatmeten, mit deutschem TÜV-Stempel versehenen Quantum Diesel, das Anmeldedatum lautet kurioserweise auf meinen 9. Geburtstag.


 

In English, please: Stilecht zum Quantum-Armaturenbrett ohne Lautsprecheröffnung spendierte der private Erstbesitzer ein Schild für Anschnallmuffel

 

Der Kilometerstand zeigte beim Verkauf durch das Autohaus knapp über 50.000km (oder Meilen?), und in den nächsten 20 Jahren sollte er bzw. der des Tauschtachos kaum stillstehen, so daß schließlich über 440.000km zusammenkamen. In all den Jahren jedoch verlor der Besitzer nie das Interesse an dem Wagen, fast alle Investitionen, großen und kleinen Reparaturen wurden festgehalten, und der Quantum wurde insgesamt mit über die Jahre nicht nachlassender Hingabe gepflegt. Wirkliche Fernreisen wurden nicht unternommen, hauptsächlich Landstraße und kaum Autobahn kamen unter die Räder, und im Jahr 2006 traf er bzw. sein Besitzer dann vor einem Schrottplatz auf seinen Verwandten, meinen GX TD.

 

Nachdem wir uns unterhalten, die Telefonnummern ausgetauscht hatten und ein paar Mal um die Autos gelaufen waren, trennten sich unsere Wege wieder. Immer dann, wenn ich - inzwischen viel seltener - über die B1 durch den Heimatort des Quantums fuhr, verdrehte ich mir weiterhin den Hals, alles war wie immer. Mal war er da, mal war er nicht da ...

 

Spuren der Jahre: Zum von Hand nachgepinselten Nummernschild gesellt sich ein sehr massiver Gummiring als Ersatz für eine leck gewordene Dichtung

 

Ich hatte meinen Santana GX TD, der allerdings wohl nicht die Überlebensfähigkeiten des Quantum zu haben schien: Der Rost nagte deutlich stärker an ihm, und mit über 350.000km kam noch ein Motorschaden hinzu. Ein bereitstehender Golf Fire & Ice wurde als Alltagsauto aktiviert, die seltene Ausführung mit dem oben angesprochenen 80PS-TD mit Ladeluftkühlung. Ich fand mich damit ab, dass ein silberner 32b-Stufenheck mit Motor nach dem Arbeitsprinzip von Rudolf Diesel wohl nicht mehr zur Verfügung stehen würde.

 

Anfang März 2008, an einem Sonnabend, klingelte das Handy: Ob ich noch Santana fahren würde, und ob ich noch Interesse an dem Quantum hätte, den ich mir damals vor dem Schrottplatz angesehen hatte...? Gleich am nächsten Tag fuhren wir vorbei. Der Besitzer wollte sich aus gesundheitlichen Gründen einen Neuwagen kaufen und war somit in die unangenehme Situation gekommen, seinen geliebten Quantum nach fast auf den Tag genau 20 Jahren abgeben zu müssen. Bevor er nun an jemanden ginge, der ihn nicht wirklich zu schätzen wissen würde, hatte er sich dankenswerterweise an mich erinnert. Der Kaufvertrag wurde unterzeichnet, und zwei Wochen später war es soweit: Ich konnte "DEN" Quantum abholen.

 

No kidding please, we're German: Schwarz gepinselter Seitenreflektor, in den Originalblinker eingesetztes Golf-Teil mit Prüfzeichen - Grüße vom Ingenieur!

                            

Ich habe dem nunmehr ehemaligen Besitzer versprochen, gut darauf aufzupassen, und nachdem die Hauptuntersuchung gerade anstand, habe ich vor dem Wegstellen noch zwei frische Plaketten kleben lassen und ihn dann schweren Herzens und zum ersten Mal seit 1987 abgemeldet. Nun ruht er sich etwas aus und harrt der Dinge, die da kommen. 2014 kann er das "H" erhalten oder auf der roten "07" angemeldet werden. Eine Zierde meiner Sammlung ist der Wagen sicher nicht, aber mit seiner interessanten Vorgeschichte und den mitunter skurrilen Basteleien, die ich teilweise trotz späterer Aufarbeitung bewahren möchte, definitiv erhaltenswert.

 

Wachsfigur: Der Motor des einzigen bekannten Quantum mit Saugdiesel, läuft und läuft und läuft seit über 300.000km im liebevoll konservierten Gehäuse

 

Irgendwie betrachte ich dieses Auto mit seinen 54PS bei 1,2 Tonnen auch als eine Art letzte Reserve für Notfälle - mit seinem Spatzendurst von unter 5 Litern Diesel auf 100km und seiner Steinzeittechnik fährt er auch dann noch, wenn Vergaserkraftstoff, warum auch immer, nur eingeschränkt oder gar nicht zur Verfügung steht, zur Not mit Salatöl. Selbst nachdem ich weiß, dass er sicher verwahrt bei mir steht, schaffe ich es kaum, mich auf der B1 nicht an einer ganz bestimmten Stelle umzudrehen und auf dem Parkplatz nach einem silbernen Quantum Ausschau zu halten. Als besondere Ironie wurde mir nur wenige Wochen nach Übernahme des diamantsilbernen Quantum ein wiederum diamantsilberner Santana GX TD im sehr guten Zustand aus Österreich angeboten, den ich natürlich ebenfalls zwingend erwerben musste. Es ist nun also fast wieder wie auf den Fotos am Schrottplatz, zwei silberne 32b Stufenheck stehen bereit.

 

 

Hand me the rubber: Zum Wagen gab es einen Satz nagelneue und nie gelaufene Winterräder von 1988 - das Profil ist heute eher was für die Kiesgrube

 

Das ist die bisherige Geschichte des Quantum GL Diesel - vielen herzlichen Dank an Herrn B., ohne dessen Pflege der Wagen kaum so lange gehalten hätte. Ursprünglich wollte ich den Wagen inklusive der skurrilen Details so belassen, wie ich ihn gekauft hatte. Inzwischen habe ich allerdings begonnen, Teile zu sammeln, um z.B. die verunstalteten Leuchteinheiten bzw. US-Details wieder zurück in den Auslieferungszustand zu versetzen. Bis auf Rückleuchten und die Einsätze der vorderen Blinker ist mittlerweile alles beisammen...


Quantum auf dem Sprung: Noch nicht - bis 2014 ruht er sich mindestens noch aus, und dann geht es irgendwann wieder los...

 

 

Fehlt jetzt noch etwas? Ach ja: Der rote Passat Stufenheck, der so oft auf dem Parkplatz neben dem Quantum gestanden hatte, war gar kein Familienmitglied des Quantumfahrers - er gehörte ganz einfach einem Nachbarn, der den Wagen nach ein paar Jahren wieder verkaufte, eine verblasste Erinnerung. Der Quantum aber ist real - and here to stay.

 

Mehr Information über den VW Santana und Quantum unter:      www.santanagx5.de

^