'83 Audi 5000 S

California Dreaming … die Geschichte eines Audi 5000 S

 

  

Ich stand eben vor meinem Bücherregal und nahm mein altes Tagebuch zur Hand, das ich während meines Auslandspraktikums in den USA geschrieben habe. Ich hatte vorher nie ein Tagebuch geführt, dachte mir aber, dass diese außergewöhnliche Zeit in Amerika unbedingt dokumentiert werden muss. Heute bin ich froh, dass ich das Buch so konsequent geführt habe, es ergänzt damit die vielen Bilder, die ich während der Zeit dort gemacht habe, zu wertvollen Erinnerungen.

 

Im März 1998 habe ich mein Studium der Fahrzeugtechnik für ein Semester unterbrochen, um ein Praktikum bei Audi of America zu machen. An meinem 64. Tag in den USA, am 18. Mai 1998, habe ich mich wie gewohnt in der Mittagspause in ein Auto gesetzt und wollte mir etwas zu Essen besorgen. Meistens habe ich mir in einem China-Restaurant etwas geholt, bin zu einer der bekannten Burger-Buden, wie Jack in the Box, Carl’s Jr., Wendy’s (bei Mc Donald’s und Burger King war ich eher selten, das gibt’s ja auch hier!) oder auch zu Baja Fresh gefahren. Zum Ausgleich bin ich auch mal in den Vons Supermarkt gefahren, um mir frisches Obst zu holen.

 

Vermutlich hatte ich dies auch an besagtem 18. Mai vor, denn ich bin in Westlake Village die Agoura Road gefahren. Westlake Village ist eine noble kleine Stadt, etwa 40 Meilen nördlich von Los Angeles gelegen. Die knapp 10.000 Menschen leben hier in guter Nachbarschaft, es gibt keine Gangs. Die Agoura Road läuft parallel zum Highway 101. Ich habe gerade die Kreuzung des Lindero Canyon und die daran gelegene 76 Tankstelle passiert, fahre westwärts, der Himmel ist wie eigentlich immer herrlich blau. Die Bäume an der Agoura Road spenden angenehmen schatten, das Sonnenlicht blinzelt durch die Blätter. Plötzlich kommt mir ein Audi 5000 S entgegen. Sein Gobimetallic strahlt blitzblank, erleuchtet durch die Sonnenstrahlen, die das Auto durch das dicke Laub der Bäume erhaschen kann. Die Farbe ist authentisch zu dem amerikanischen Flair und zu dem kalifornischen Licht. Eine alte Dame sehe ich am Steuer sitzen. Das Kennzeichen des Audi 5000 ist leicht zu merken : FP FP. Der Kennzeichenhalter des hinteren Kennzeichens trägt den Namen Rusnak, das ist der Händler auf der Thousand Oaks Automall, der die Marken Audi, BMW und Porsche vertritt, gelegen auf der anderen Seite des Highway 101. Sofort nach meinem Einkauf rufe ich bei Rusnak an und frage nach dem Audi 5000.

 

Das Auto ist dem Service Manager bestens bekannt, wird es doch von seiner Besitzerin dort regelmäßig zur Wartung gebracht. Die Adresse und den Namen der alten Dame darf er mir nicht geben, aus Gründen des Datenschutzes. Er bietet mir aber an, die Besitzerin zu kontaktieren und nachzufragen, ob er dies tun dürfe. Ein deutscher Student, der für Audi in den USA arbeitet, da stehen die Chancen nicht schlecht. Und tatsächlich erhalte ich wenig später den Namen, die Adresse und die Telefonnummer der Besitzerin. Frieda Parry ist ihr Name. Ich rufe sie sofort an und frage, ob ich ihr Auto fotografieren dürfte. Sie teilte mir mit, dass sie sich das überlegen werde und ich dürfe mich in drei Tagen wieder bei ihr melden. Gesagt, getan. Ich meldete mich genau drei Tage später bei Mrs Parry und erhalte von ihr einen Termin für den nächsten Tag. So fahre ich am Freitag, den 22.5.1998 die Lindero Canyon Road nach Süden und biege in die Triunfo Canyon Road nach Westen ein. Westlake Village ist in diesem Teil noch viel imposanter. Einige der Häuser liegen an einem künstlichen See (sieht man sehr gut bei Google Earth). Die Triunfo Canyon Road ist kaum befahren, eigentlich viel zu breit.

 

Es sieht hier aus, wie man es aus vielen amerikanischen Filmen kennt, neben der Straße ist ein Rasenstreifen, dann kommt ein betonierter Gehweg, dann wieder ein Rasenstreifen und dann fangen die Vorgärten der Grundstücke an. Ich halte vor dem Haus von Mrs. Parry. Der Audi 5000 S steht vor der Sonne geschützt in der Garage und ist noch nicht zu sehen. Ich schreite zur Tür und klingele. Eine kleine und zierliche alte Dame öffnet die Tür und begrüßt mich freundlich. Ich dürfe den Audi 5000 selber aus der Garage fahren, da sie selber jetzt zu aufgeregt sei und gab mir den Schlüssel. Die Garage wurde geöffnet und der Schriftzug „Audi 5000 S“ blitzte mir entgegen. Ich steige ein, stecke den Schlüssel in das Zündschloß. Sogleich begrüßte mich ein Warnton: „Bing – Bing – Bing - ….“. Dieser Ton soll an das Angurten erinnern. Ich steige auf das Bremspedal, starte den Typ 43, schiebe den T-Griff des Automatik- wählhebels von P in R und gehe leicht von der Bremse. Langsam kriecht der Audi 5000 aus seiner Garage. Ich erinnere mich dabei an den Film E.T., bei dem Elliotts und Gerties großer Bruder Mike auch immer Mutters Audi 5000 S aus der Garage fuhr, allerdings etwas forscher, hinterlässt er doch deutliche Brems- und Beschleunigungssuren auf der Garageneinfahrt. Mrs. Parrys Audi 5000 ist inzwischen vorsichtig auf der Garageneinfahrt geparkt und strahlt in der Nachmittagssonne. Bevor ich aussteige fällt mir erst jetzt der niedrige Meilenstand des Fahrzeuges auf: 22.500 Meilen, das sind gerade einmal rund 36.000 Kilometer. Der Innenraum ist wie neu. Die Sitze sind etwas hochwertiger, als bei den deutschen Audi 100 CD. Zwar haben sie auch einen Veloursstoff, jedoch ist dieser mehrmals quer abgenäht, erinnert somit schon an die Sitze des Audi 100 Typ 44. Ein Blick auf die Fahrgestellnummer, die auf einem kleinen Plättchen links oben auf der Armaturentafel durch die Windschutzscheibe sichtbar ist, wie in den USA vorgeschrieben, verrät, dass es sich hierbei um einen ganz späten Audi Typ 43 handelt. Er hat ein „D“ in der Fahrgestellnummer, welches ihn als ein Modelljahr 1983 ausweist. Das mag manchen Leser stutzig machen, wurde der Typ 43 doch nur bis zum Sommer 1982 gebaut. Somit erhielt der Nachfolger des Typ 43, der Audi 100 Typ 44, ein „D“ und startete mit dem Modelljahr 1983 im August 1982. Die Modelljahresangaben haben allerdings für den Autohandel in den USA eine sehr wichtige Bedeutung. So wurde das Modelljahr für den USA-Export im Jahr 1982 schon sehr früh auf das Modelljahr 1983 umgestellt, um den Abverkauf des Typ 43 in den USA zu erleichtern. Selten werden in den USA Autos von den Kunden bestellt, die meisten Kunden gehen zum Händler und kaufen eines aus dem Lagerbestand. Aus diesem Grund sind die USA-Versionen auch meistens mit einer vollen Ausstattung konfiguriert. Beim Kauf geht es dann eben nur noch um die Farbe. Audi of America musste zudem auch noch ein paar Monate bis zur Einführung des Audi 5000 als Typ 44 überbrücken, da dieser erst im Jahr 1983 als Modelljahr 1984 auf dem amerikanischen Markt eingeführt wurde.

 

Nun stand ich da und staunte. Der Audi 5000 von Mrs. Parry stand wirklich prächtig da. Keine Beulen, nur weniger Kratzer zeugten davon, dass das Auto tatsächlich auch benutzt wurde. Ich fragte bei Mrs. Parry nach, ob sie das Auto verkaufen würde. Mein Angebot wies sie freundlich aber bestimmt ab. Das Auto sei eine Erinnerung an ihren verstorbenen Mann und sie werde sich niemals davon trennen – basta! Nachdem ich noch ein paar Mal um das Auto herumgelaufen bin und mich an den dicken Stoßstangen, den Sidemarkern und den verchromten Lampeneinfassungen der Sealed-Beam-Scheinwerfer erfreut habe und dies auch fleißig mit der Kamera dokumentiert habe, verabschidete ich mich von Mrs Parry und ihrem schönen Audi. Im September 1998 verließ ich dann wieder die USA und ich hatte bis dahin den Audi nicht mehr gesehen, auch nicht auf der Garagenauffahrt von Mrs. Parrys Haus.

 

 

 

Das Auto ging mir aber nie so richtig aus dem Kopf. Der Audi 5000 war ja im Jahr 1998 schon kaum mehr auf den Straßen in den USA gesehen und wenn dann doch einmal einer auftauchte, dann in einem eher mäßigen Zustand. Das trockene kalifornische Klima fördert zwar kaum den Rost, allerdings gehören dafür abgeblätterter Klarlack, ausgeblichene Kunststoffteile, Beulen, fehlende Teile, ein zerschlissenes Interieur und hohe Laufleistungen zu den typischen Mängeln eines dort in die Jahre gekommenen Gebrauchtwagens. Als dann noch Mitte der 80er Jahre sehr unseriös in den Medien über angeblich selbst beschleunigende Audi 5000 berichtet wurde, verlor der Audi 5000 in den USA gehörig an Image und war als Gebrauchtwagen nicht sonderlich begehrt, so dass viele von edlen Wohngegenden in Stadtteile umzogen, in denen illegale Einwanderer und Gangs leben. Oder die Autos landeten gleich auf einem „Junk Yard“. Der Gedanke, dass womöglich dem Audi 5000 von Mrs. Parry das gleiche Schicksal einholen wird, war unerträglich.

 

In den folgenden Jahren schrieb ich Mrs. Parry immer zu Weihnachten eine Postkarte, um mich in Erinnerung zu rufen. Ich rief sie niemals an, klingelte auch nie mehr an ihrer Tür, wenn ich mal wieder dienstlich oder privat in Kalifornien war. Ich fuhr zwar immer mal wieder an ihrem Haus vorbei, sah aber den Audi 5000 kein einziges Mal mehr. Ich erhielt auch nie eine Antwort auf meine Postkarten, deshalb wagte ich auch nie, Mrs. Parry anzurufen oder gar zu besuchen. Ich befürchtete, ich könnte sie durch meine Kaufabsichten belästigen und das wollte ich nicht. Lediglich über Kontakte zu Rusnak erfuhr ich, dass der Audi 5000 mal wieder einen Ölwechsel oder eine neue Batterie bekommen hat. Ich war dann immer froh, wenn es ein solches Lebenszeichen gab.

 

Ende 2005 tauchte dann ein Audi 5000 bei Ebay in den USA auf. Es handelte sich dabei um ein 1978er Vorfacelift-Modell in Kupfermetallic. Er war recht spartanisch ohne S-Paket ausgestattet, aber aufgrund der niedrigen Laufleistung und seiner Farbe sehr interessant. Das Mindestgebot wurde nicht erreicht, so habe ich über mehrere Wochen mit der Besitzerin Schriftwechsel gehabt. Mein letztes Angebot für den Audi 5000 wurde von Jan Ellerbrock überboten, der nun dieses Schmuckstück sein eigen nennt. Ich war nicht sonderlich enttäuscht darüber, denn insgeheim wollte ich ja nur den einen Audi 5000 haben, den von Mrs. Parry.

 

Es verstrichen noch ein paar Monate, bis ich eines Montags Morgen, es war der 12. Juni 2006, in mein Büro kam und meine neu eingegangenen E-Mails las. Ein Kollege, der momentan bei Audi of America ist, berichtete mir, dass Mrs. Parry den Audi-Händler Rusnak beauftragt hat, mich über Audi of America zu kontaktieren. Mrs. Parry müsse sich von ihrem Audi trennen. Ich rief gleich bei Rusnak an und erhielt die Telefonnummer von Mrs. Parrys Sohn, den ich dann am nächsten Tag anrief. Er erzählte mir, dass seine Mutter gestürzt sei und sich dabei die Hüfte gebrochen hat. Daher hielt man es für das Beste, das Haus in Westlake Village zu verkaufen und Mrs. Parry in die Nähe ihres Sohnes zu holen, der in Napa Valley bei San Francisco lebt und dort ein Weingut bewirtschaftet. Schweren Herzens entschied sich Mrs. Parry, sich von ihrem geliebten Auto zu trennen. Ich hatte dabei die Ehre, als einziger Käufer in betracht gezogen zu werden!

 

So wurde man sich schnell einig, obwohl der Audi 5000 nicht billig war! Trotzdem war ich bereit, ob des Zustandes und der Geschichte des Wagens, die hohen Kosten zu tragen. Spediteure wurden dank Internet und Google schnell gefunden. Ich ließ mir einige Angebote von amerikanischen und deutschen Spediteuren schicken. Die Angebote einer Verschiffung im Container differierten erheblich, so dass der Vergleich lohnt. Bis zu 2.500,- Dollar wurden hier aufgerufen. Ausgerechnet der deutsche Spediteur machte das günstigste Angebot über 900,- Dollar. Die Fa. Interglobal Shipping in Bremerhaven erhielt aber nicht nur wegen des günstigsten Preises den Zuschlag, sondern auch wegen der Übersichtlichkeit des Angebotes. Hier wurden alle Positionen einzeln aufgeführt, wie z.B. der Transport von Westlake Village zum Hafen nach Long Beach, das Einladen in den Container, das Verschiffen von Long Beach nach Bremerhaven, das Entladen und die Erledigung aller Fracht- und Zollpapiere. Durch das Verschiffen und die Erhebung von Einfuhrzöllen und der Mehrwertsteuer verteuert sich der Import eines Autos immens. So summierten sich Transportkosten, Zoll und Mehrwertsteuer auf etwas über € 2.300,-.

 

Der Sohn von Mrs. Parry brachte den Audi 5000 Anfang Juli 2006 zu meinen Kollegen von Audi of America. Dort wurde der Typ 43 dann am 6. Juli von einem LKW abgeholt und die Rückreise in seine Heimat begann. Zunächst brachte man den Audi in eine Lagerhalle nach Long Beach. Dort wurde er dann mit 2 anderen Autos in einen Doppelcontainer verladen. Mit Holz wird hier eine Konstruktion gebaut, damit tatsächlich 3 Fahrzeuge hineinpassen. Ehrlich gesagt, ich möchte gar nicht wissen, wie das gemacht wird! Neben einem Porsche Cayenne, teilte sich mein Audi noch mit einem Lamborghini den Container. Schließlich wurde der Container in den Hafen von Long Beach gebracht und dort auf die Ever Decent geladen. Am 25. Juli verließ das Containerschiff den Hafen und der Audi somit seine amerikanische Vergangenheit. Der Seeweg beansprucht ca. 3 bis 4 Wochen, so erreichte die Ever Decent am 17. August Bremerhaven. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch auf einer Dienstreise in den USA, so dass ich erst später den Audi abholen konnte. Am 31. August machte ich mich auf den Weg und reiste mit dem Zug und Überführungskennzeichen unter dem Arm nach Bremerhaven. Die Spannung stieg und ich war sehr aufgeregt. Ich dachte mir, es ist eigentlich Wahnsinn, nach all den Jahren das Auto von Mrs. Parry in Empfang zu nehmen. Ich meldete mich bei der Spedition und man drückte mir den Schlüssel in die Hand. Ein Pappschild hing an ihm mit der Aufschrift „’83 brown Audi“. Mit erhöhtem Puls suchte ich den Heimkehrer auf dem Gelände. Es war wirklich erstaunlich, welche Autos ich dort stehen sah. Viele Porsche 911, Mercedes R 107, Käfer Cabrios und amerikanische Wagen. So richtig toll sind sie alle nicht beieinander. Viele Blindkäufe per Internet, hoffnungsvolle neue Besitzer, die jäh enttäuscht sein werden. Dabei ist das doch die Grundregel, niemals ein Auto blind zu kaufen! Der Spediteur berichtete mir, dass in manchen Fällen die neuen Besitzer ihren teils für viel Geld erworbenen Schrott gar nicht mitnehmen und enttäuscht das vermeintliche Schnäppchen auf dem Hof lassen. Regelmäßig kommt ein Schrotthändler und holt die frisch importierten Autos für die Schrottpresse ab, dann fällt wenigstens kein Zoll mehr an.

 

Naja, dachte ich mir, ich habe den Audi ja auch seit 8 Jahren nicht mehr gesehen, eine lange Zeit, in der viel passieren kann. Nach langer Suche auf dem tristen Gelände fand ich den Audi schließlich, er versteckte sich hinter einem Container und war durch einen total vergammelten Porsche 911 eingekeilt. Ich ging schnellen Schrittes auf den Audi 5000 S zu, tätschelte ihm das Dach und sagte leise „Hello, welcome back!“. Er war immer noch in einem sehr guten Zustand, wenngleich nicht mehr ganz so perfekt, wie an der Begegnung vor 8 Jahren. Er hat ein paar Kratzer mehr bekommen, die Kunststoffteile sind nicht mehr ganz so satt schwarz und das Armaturenbrett hat einen winzigen Riß an einer unkritischen Stelle bekommen – alles Kleinigkeiten, die man in den Griff bekommt – Aufatmen.

 

Nachdem der Zündschlüssel steckte, begrüßte er mich gleich mit dem „Bing – Bing – Bing …“ und sprang sofort an, die Batterie wurde wohl nicht abgeklemmt beim Transport. Nachdem ich noch ein paar Unterschriften zu leisten hatte und beim Zoll vorgefahren bin, verließ ich das Hafengelände und begab mich auf den Heimweg. Am nächsten Tag besorgte ich mir bei einer ADAC-Geschäftsstelle eine so genannte Grenzversicherung. Damit war es möglich, legal mit den kalifornischen Kennzeichen für eine begrenzte Zeit von 4 Wochen den Audi im Straßenverkehr zu fahren. Das war der einfachste Weg, mit dem Audi zum TÜV und zur Zulassungsstelle zu fahren, damit er auf mein bereits vorhandenes 07er  Kennzeichen nachgetragen werden konnte, was dann auch völlig unproblematisch war. Der TÜV hat den 5000er abgenommen und ein Datenblatt für die Zulassungsstelle ausgestellt. Die Daten dafür habe ich vorher bei den Kollegen vom Kundendienst der AUDI AG beantragt und kurzfristig erhalten.

 

 

 

Übrigens hat es einen Heiden Spaß gemacht, mit den kalifornischen Kennzeichen zu fahren, viele Leute haben staunend geguckt und mich teilweise auf Englisch angesprochen, weil sie dachten, dass ich ein Ami bin. Zu der Vorbesitzerin habe ich nun inzwischen regelmäßigen Kontakt, ich schreibe ihr oder rufe sie einfach mal an, um ihr zu berichten, an welchen Veteranenveranstaltungen ich teilgenommen habe oder was ich an dem Auto repariert habe. Viel war das bis jetzt nicht. Ich habe auf der Dienstreise in den USA einen kompletten Satz Scheinwerfer gekauft. Ich finde, dass neue Scheinwerfer eine neuwertige Optik unterstreichen, zumal der Audi 5000 ja noch die normierten Sealed Beams hatte. Die gibt es für wenige Dollar in jedem größeren Supermarkt, sind aber von der Lichtausbeute recht bescheiden. In einem Fachmarkt habe ich von Sylvana (gehört zu Osram) die Silver Star Scheinwerfer gekauft, die wesentlich heller leuchten. Ich bin damit sehr zufrieden und der etwa vierfache Kaufpreis lohnt sich. Die Rückleuchten waren zum Glück auch noch lieferbar, so habe ich auch diese bestellt und neu eingebaut. Zu guter letzt wurde noch ein neuer Mittelschalldämpfer und Endschalldämpfer eingebaut. Originalteile lagen bei einem Händler in der Nähe noch am Lager, da sie offiziell nicht mehr lieferbar waren. Die Passgenauigkeit bei den Abgasanlagen aus dem Zubehörhandel sind leider nicht gut, zumindest habe ich keine guten Erfahrungen damit gemacht.

 

In den vergangenen Monaten konnte ich auch noch mehr über die Geschichte des Audi 5000 von Mrs. Parry erfahren. Die Geschichte ist so rührend, dass mir dadurch der Audi noch viel wertvoller geworden ist. Der Ehemann von Mrs. Frieda Parry, Mr. J. Frank W. Parry, wurde in Derby, England geboren. Er ließ sich zum Flugzeug-Ingenieur ausbilden und stieg bei Rolls Royce in die Triebwerksentwicklung ein, war ab 1939 an der Entwicklung des Triebwerkes der Spitfire beteiligt. 1957 wanderte er mit seiner Familie nach Kalifornien aus und fing bei Solar Aircraft in San Diego an, bis er schließlich nach weiteren Stationen führender Wissenschaftler bei R & D Associates in Marina Del Rey wurde. Im Jahr 1982 entschied er sich für einen Auslandsaufenthalt in Deutschland bei der europäischen Niederlasung von       R & D Associates in München. Im März 1982 bestellte Mr. Parry bei Rusnak in Thousand Oaks seinen Audi 5000 S:

 

Audi 5000 S, Automatik, Bestellschlüssel 433 673             $ 12.665,-

Gobi Metallic                                                                             $      295,-

Elektrisch verstellbare Außenspiegel                                     $      170.-

Radio Heidelberg                                                                     $      620,-

Elektrisches Schiebedach                                                       $      725,-

Ausstattung für Kalifornien                                                       $        75,-

Umbausatz für Katalysatorausbau                                          $      150,-

 

Mit Überführung, Zulassung und Steuern kostete der Audi 5000 schließlich $ 14.914,-. Frank Parry entschied sich für den höherwertigen Audi 5000 S. Gegenüber dem Audi 5000, der unter anderem schon mit Servolenkung, Geschwindigkeitsregelanlage und grüner Wärmeschutzverglasung aufwarten konnte, hatte der 5000 S zusätzlich noch Leichtmetallfelgen, elektrische Fensterheber, Klimaanlage, Kopfstützen im Fond, Zentralverriegelung, höhenverstellbaren Fahrersitz und Ausstellfenster serienmäßig zu bieten.

 

Wegen des bevorstehenden Umzugs nach Deutschland, ließ sich Mr. Parry den Audi nicht in den USA, sondern in Österreich, bei der Porsche Austria in Salzburg, ausliefern. Diese so genannte „Tourist Delivery“ war damals nicht unüblich. Einige amerikanische Audi- und VW-Kunden nutzten diese Möglichkeit, um mit ihrem neuen Auto zunächst eine Reise durch Europa zu unternehmen, bevor das Auto dann in die USA verschifft wurde.

 

Am 14. April lief der Audi 5000 S im Audi NSU Auto Union Werk in Neckarsulm vom Band und wurde dann im Mai 1982 an Mr. Parry ausgeliefert und auf das US Army Kennzeichen CL 2234 zugelassen. Warum der Audi in Salzburg ausgeliefert wurde und nicht in München, dem Wohnort von Mr. Parry, ist leider nicht mehr eindeutig festzustellen. Auch die Frage, warum er sich ausgerechnet für einen Audi 5000 entschieden hat, konnte mir Mrs. Parry nicht beantworten, da sie sich in den Kauf des Wagens nicht mit einmischte, da sie ohnehin keinen Führerschein besaß. Ich gehe aber davon aus, da Mr. Parry Ingenieur war, ihm amerikanische Autos technisch nicht überzeugten und daher nur ein europäisches Auto in Frage kam, insbesondere natürlich dann auch ein deutsches Fabrikat. Mr. und Mrs. Parry genossen die Zeit in Deutschland und machten einige Ausflüge mit ihrem neuen Auto. Die erste große Fahrt ging nach Oberammergau, daran kann sich Mrs. Parry noch erinnern. Ebenso, dass sich Ihr Mann Frank über das neue Auto sehr freute.

 

 

 

Leider wurde Mr. Parry bald sehr krank, so dass der Audi 5000 dadurch nicht mehr viel gefahren wurde. Im Jahr 1983 gingen beide wieder zurück nach Westlake Village und der Audi wurde im August des Jahres von Emden nach Long Beach verschifft. Den Transport überstand der Audi gut, lediglich die Batterie war aufgrund eines elektrischen Fehlers am Radio kaputt gegangen und bei Ankunft tief entladen, so dass sich der Audi auch nicht mehr fremd starten ließ. Der berühmte Porsche und Audi Händler Vasek Polak in Hermosa Beach schleppte den Audi aus dem Hafen, baute eine neue Batterie ein und behob den Kurzschluss. In den nächsten Monaten verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Frank Parry und er starb im Juli 1984. Freunde von Mrs. Parry unterstützten sie fortan, wenn sie ihre Besorgungen machen musste, denn sie hatte ja keinen Führerschein! Ohne Auto ist man in den USA aufgeschmissen, die Wege sind weit und mal eben mit dem Bus zum Supermarkt fahren ist völlig ausgeschlossen. So dachte Mrs. Parry an den Audi 5000, der inzwischen in Kalifornien mit dem Wunschkennzeichen FP FP zugelassen war. Mr. Parry hat diese Buchstabenkombination zu Ehren seiner Ehefrau beantragt und sie steht selbstverständlich für Frank und Frieda Parry. Kurzum, Mrs. Parry wurde deutlich, dass sie lernen musste, mit dem Audi 5000 zu fahren, damit sie ihren Wunsch nach Unabhängigkeit erfüllen konnte und begann damit, ihren Führerschein zu machen – mit 68 Jahren! Anfang 1986 fuhr sie erstmalig selbständig mit ihrem Audi 5000. Sie liebte ihren Audi, verhätschelte ihn und fütterte ihn ausschließlich mit Chevron Supreme, obwohl das aufgrund der niedrigen Verdichtung des Motors gar nicht notwendig war! Sie fuhr damit zum Einkaufen in den Vons Supermarkt in Westlake, zur Kirche nach Thousand Oaks, also meist innerhalb der Ortschaft. Ab und zu fuhr sie jedoch auf den Freeway, weil der Servicemanager von Rusnak ihr gesagt hat, dass das Auto frei gefahren werden muss. Bei Rusnak war sie dann auch zur regelmäßigen Wartung, Defekte gab es kaum, mal eine Antriebswellenmanschette, mal wurde die Klimaanlage neu befüllt. Lediglich der Batterieverschleiß war hoch, weil das Auto ja kaum gefahren wurde. Alle 2 bis 3 Jahre wurde eine neue fällig. Einmal im Jahr wurde das Öl gewechselt, obwohl sie im Schnitt nur etwa 500 Meilen pro Jahr mit dem Wagen fuhr! Auch wenn sie der Meinung war, dass sie mal zu schnell über eine Bodenwelle oder einen Bordstein gefahren ist (wer schon einmal in den USA war, weiß wie hoch und gemein die Dinger dort sind!), dann fuhr sie immer gleich zu Rusnak und ließ das Auto überprüfen. So wurde der Audi 20 Jahre lang von Mrs. Parry geliebt und geschont, von Rusnak gepflegt.

 

Dann hatte Mrs Parry im Jahr 2006 ihre schwerste Entscheidung zu treffen: sich von ihrem Audi 5000 zu trennen. Ich möchte gar nicht daran denken, wie Mrs. Parry sich von ihrem Auto verabschiedet hat. Es geht hier sicher nicht um das Auto als Gegenstand, es ist vielmehr ein Symbol für die Zeit mit ihrem Mann Frank in Europa, ihren Mut im hohen Alter noch den Führerschein zu machen und damit ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Auf der anderen Seite hat es ihr sicher geholfen, dass da jemand ist, der das Auto und dessen Geschichte bewahrt und mit dem Auto respektvoll umgeht. So übernahm ich dann im August 2006 den Audi 5000. Zu Weihnachten 2006 habe ich dann einen Kalender mit selbst fotografierten Bildern des Audis nach Amerika geschickt. Mrs. Parry hat sich sehr gefreut und den Kalender bei ihr im Appartement aufgehängt, so hat sie wenigstens jeden Monat ein anderes Bild von ihrem Auto. Ich bin nun zwar der rechtmäßige Besitzer, aber ich wage kaum davon zu sprechen, dass es mein Audi 5000 ist. Es klingt viel schöner, wenn man von Mrs. Parrys Audi 5000 spricht.

 

Andreas Bauditz

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