'81 Audi 5000 S

Reine Nervensache

 

Zu allererst muss ich eines betonen: Eigentlich wollte ich mir nie eine Audi 100 Typ 43 Limousine kaufen, mir haben es immer die Avant-Modelle angetan. Da ich aber auf eher nicht so alltägliche Autos stehe, kam alles ganz anders.


Es begann mit einer eher unscheinbaren Anzeige im Forum der Audi 100/200 Typ 43 IG, die am 15.06.2011 in der Rubrik „Audi 5000“ veröffentlicht wurde. Dort wurde ein weißer 1981er Audi 5000 S aus Atlanta (Georgia) angeboten. Und natürlich hatte ich gleich wieder etwas zu kritisieren - nämlich die Felgen, die nicht original waren, sondern von einem Porsche 924. Heute, wenn ich diese Felgen am Auto sehe, finde ich diese allerdings sehr gut passend. Der eigentliche Hammer an dem Auto war allerdings, dass es sich um einen sehr seltenen Handschalter handelte! Hui, jetzt kam ich aber doch ordentlich ins Grübeln ...

Nach einigen Telefonaten mit Andreas, dem Webmaster dieser Seite, wie man die Sache evtl. angehen könnte und nach weiteren Bildern, die dann doch sehr verheißungsvoll waren, entschloss ich mich, den Kauf anzugehen. „Och, das mit dem Transport sei ganz einfach, unkompliziert und ginge "Ruck Zuck" mit ein paar Mails über die Bühne!“, meinte Andreas. Er sollte Recht behalten. Noch eines zu den von mir vom Verkäufer zusätzlich angeforderten Bildern. Diese kamen etwa 10 Tage später als gehofft, da der Verkäufer derzeit im Urlaub war. Die Nerven lagen ob der langen Wartezeit geringfügig blank …

Wie sieht das Auto aus? Hat er mehr Rost als gedacht? Ein Leidensweg begann -
für mich zumindest! Inzwischen ist auch der Kostenvoranschlag vom Shipper eingetrudelt. Jetzt hatte ich zumindest eine Hausnummer, wie teuer das Projekt „1981 Audi 5000 from Georgia“ denn so werden könnte. Um meine Nerven noch etwas mehr zu strapazieren, war ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt mein Personalausweis abgelaufen. Dieser wird vom Shipper für den Import des Fahrzeuges benötigt, als gültiges Dokument, versteht sich. Ich hatte diesen zwar schon zwischenzeitlich mit biometrischem ("Verbrecher"-) Bild beantragt, aber Personalausweis und Reisepass waren noch nicht da und die Zeit wurde knapp.

 

 

keine 78.000 Meilen gelaufen - kann man einen Blindkauf wagen?

 

Inzwischen lagen die Bilder aus den USA vor und ich noch genau einen Tag Zeit, um mich zu entscheiden, da es wohl noch andere Interessenten gab. Das Verhandeln des Verkaufspreises hatte sich inzwischen aufgrund dieser Situation erledigt, aber als Schwabe muss ich es eben immer versuchen! Dieser Misserfolg war aber halb so schlimm, da es ohnehin keine so  große Ersparnis gewesen wäre! Also habe ich zugesagt. Wie aber kommt das Geld für den Kauf nach Amerika? Die Banken erheben für eine Auslandsüberweisung hohe Gebühren und den Vorschlag des Käufers, einfach per Pay-Pal zu zahlen scheiterte zunächst, da ich bis heute aus Prinzip kein Pay-Pal-Konto besitze. Andreas war mir dann auch in dieser Situation sehr behilflich. Dann hieß es wieder warten, ob das Geld in den USA angekommen ist. Gott sei Dank, alles ist gut gegangen. Hierbei sei bemerkt, dass dadurch das Vertrauen zum Verkäufer auf deutscher Seite merklich gestiegen ist. Wobei es nie wirklich schlecht war, es war aber auch nicht sehr ausgeprägt – man ist eben tausende Kilometer entfernt und weiß nicht so recht, auf was man sich da einlässt!

 

 

Nur Wachs, kein Rost - Wasserkastenecken in Traumzustand!

 

Nachdem der Kauf perfekt gemacht wurde, hieß es nun den Transport zu organisieren. Auch hier unterstützte mich erneut Andreas vorzüglich! Auch der Verkäufer kooperierte sehr gut mit uns zusammen, da der Transporteur, der das Auto zum Hafen bringen sollte, vor Ort bar bezahlt werden möchte. Das war kein Geschäft unter der Hand, sondern ist bei Autotransporten innerhalb der USA, die ganz einfach im Internet bestellt werden können, so üblich.

 

 

Auch das Interieur ist in einem sauberen und gepflegtem Zustand!



Ach übrigens, wegen der Pässe: diese kamen gerade so rechtzeitig vom Amt, um eine Kopie dem Shipper in Deutschland zu schicken - Glück gehabt! Normalerweise läuft so etwas bei mir immer schief. In der Zwischenzeit lief die Diskussion über den Drehzahlmesser und seine Kühlmitteltemperaturanzeige des handgeschalteten Audi 5000 im Typ 43-Forum rege. Diese seltenen Details haben die sonst üblichen Automatikversionen des Audi 5000 gar nicht und dies war mir bis dato überhaupt nicht aufgefallen. Es war mir auch egal, ich hatte nur einen Gedanken: „Hoffentlich wird der 5000er beim Transport nicht fallengelassen!“. Das Einfahren in den Sammelcontainer ist ja schon recht abenteuerlich. Zu diesem Zeitpunkt verabschiedete sich Andreas in den wohlverdienten Urlaub. Was ist, wenn der „5k“ früher ankommt ? Wie läuft das mit dem Zoll ? Schriftkram, Bezahlung? Fragen über Fragen, ich hatte so etwas ja noch nie organisiert und meine Nerven lagen schon wieder blank! Wenigstens hatten wir den Namen des Containerschiffes und Henning (aus dem IG-Forum und Autor des anderen Audi 5000-Berichtes hier in dieser Rubrik) war so nett, die Verfolgung des Schiffes zu starten. Die Jagd ging also los und es dauerte einige Wochen, mit Höhen und Tiefen der Gefühle. Der 5k war hoffentlich gut verladen worden und in Richtung Europa, genauer gesagt Rotterdam, das ja bei Oldtimern aufgrund des dort nicht erhobenen Einfuhrzolles im Vergleich zu Bremerhaven der günstigere Zielhaven ist, unterwegs. Ab Mitte August wurde es recht lustig - oder besser gesagt, für mich wieder extrem nervenaufreibend. Bilder von Containerschiffen hatte ich inzwischen genug gesehen. Ich war immer auf der Suche nach einem Sturmtief, welches sich aber nicht einstellte. Es gab auch keine Meldungen über gesunkene Containerschiffe. Dann war das betreffende Schiff, nachdem es eine schier endloser Anzahl europäischer Häfen angelaufen hat, endlich in Rotterdam eingelaufen … nur vom Shipper ward nichts zu hören! Henning meinte gelassen: „Die melden sich schon!“ Na hoffentlich, dachte ich, denn das Schiff war inzwischen schon wieder Richtung New York unterwegs! Ja wieso denn das? Erneut stellte sich Unruhe bei mir ein.

 

 

Begehrte Extras: Klimaanlage, zeitgenössisches Blaupunkt-Radio und elektrische Fensterheber

 

Am 15.08.11 platzte die Meldung von Andreas herein: „Dein Auto ist angekommen!“ Wie? Wo? Was? Andreas war in den USA und wusste mehr als ich! Am nächsten Tag meldete er : Zollpapiere bei Ihm in der Mailbox! Und ich? Plötzlich hatte nämlich nur noch Andreas die Mails vom Shipper bekommen und ich wurde nicht mehr berücksichtigt. Bei der Firma Interfracht angerufen und gefragt, was überhaupt Sache ist. Des Rätsels Lösung: Der 5K kam mit einem ganz anderen Schiff, als vorhergesagt, nachzulesen in den Zollpapieren vom 18.08.11. Tja, so habe ich stets das falsche Schiff im Internet gejagt!

 

 

Check nach Ankunft - alles bestens!



Die Zollpapiere waren größtenteils in Holländisch, zumindest der formaljuristisch relevante Teil, oje! Aber es ist alles gut gegangen und bald folgte die Rechnung. Der Audi 5000 wurde als Oldtimer anerkannt! Auf die niederländischen Nachbarn ist halt doch Verlass und wissen einen 30 Jahre alten Audi 5000 zu würdigen! Obwohl Interfracht davon abgeraten hatte, da der gesparte Einfuhrzoll (10 % vom Kaufbreis) ja nicht so hoch sei. Na, na, die da oben in Bremen kennen die Schwaben nicht, die sich auch über gesparte kleinere Beträge freuen können! Auch der Transport von Rotterdam zu mir nach Hause verlief reibungslos. Es war nur eine Frage des Geldes. Das Auto wurde sogar einen Tag früher angeliefert, leider zu einem Zeitpunkt, an dem ich arbeiten musste. Ich rief um die Mittagszeit bei der Werkstatt an, die freundlicherweise das Auto entgegen nahm. Der Audi 5000 sei schon da und abgeladen worden, bevor sie überhaupt richtig geblickt hatten, wer da auf dem Hof stand! Für die einen ein Abenteuer, für andere reine Routine eben! Nach Feierabend schnurstracks zur Werkstatt geeilt, den 5000er anschauen. Nein, einen Transportschaden hätten sie in der Werkstatt nicht gesehen, unterschrieben war der Empfang auch schon. Bei der Ankunft in der Werkstatt wurde ich auch gleich gelobt, endlich einmal etwas „G‘scheites“ gekauft zu haben. Die Besichtigung ergab dann auch tatsächlich keine Transportschäden und, sehr erfreulich, extrem wenig Rost. Lediglich an den wenigen Stellen, die der Verkäufer per Bild ehrlicherweise dokumentiert hatte. Mann, war ich froh, als ich die Besichtigung so positiv beendet werden konnte! Das einzige, was sofort gemacht werden musste, war einen halben Liter Hydrauliköl für die Servolenkung nachzufüllen. Dann durfte der 5k noch drei Tage auswärts übernachten, bis ich ihn am 15.09.2011 zu mir nach Hause holte.

 

 

Endlich daheim in der Garage!



Auch ich wollte niemals ein Auto nur per Internet gesendeter Bilder kaufen und dies wurde mir von einem ehemaligen Geschäftskollegen gleich vorgehalten, noch bevor er "Guten Tag!" sagte. Tja, wenn man Vorsätze bricht … aber ich hatte einen „Saudusel“, wie man hier zu sagen pflegt, gehabt. Dass die ganze Aktion so reibungslos abgelaufen ist sei Andreas, Henning, dem amerikanischen ehrlichen Verkäufer, der Zollbehörde von Rotterdam und der Fa. Interfracht gedankt.

 

Meine Nerven haben sich inzwischen erholt. Oft geht ein blinder Kauf schief, bei mir ist es gut gegangen und ich freue mich riesig über meinen weißen Glücksgriff.

 

Martin Wimmer

 

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