'78 VW 1303 Cabrio

Mein Bruder hatte mich gewarnt…

 

 

… aber ich wollte ja nicht hören! „Der rostet, keine Heizung, keine Leistung, springt nicht an, verbraucht viel…“ die Liste konnte er endlos weiterführen. Obwohl er früher selbst einmal einen 1303 heiß und innig geliebt hatte, war diese Liebe mittlerweile restlos verloschen.

 

Ich bin mit zwei Käfern aufgewachsen und der zweite hat mich bis heute geprägt. In meiner frühsten Kindheit fuhr meine Mutter einen weißen Sparkäfer aus dem Jahr 1966. An ihn habe ich kaum Erinnerungen. Danach kam ein `74er VW 1303 in „Moos- Metallic“ ins Haus.  Ausgestattet mit 44 PS-Motor, skurrilen schwarzen Schmutzfängern inklusive Nieten sowie beiger Innenausstattung. Dieser Käfer rostete vermutlich schon auf dem Fließband. In den frühen 80er Jahren ging er dann heimlich, still und leise in den Besitz meines Bruders über. Und bei mir entbrannte die Käferliebe!

 

In dieser Zeit wurde endlos an ihm herumgebastelt. So wurde er zweimal innerhalb von 2 Jahren komplett lackiert. Die Vorarbeiten, also Abschleifen und vor allem viel Spachteln, erledigten wir selbst auf dem öffentlichen Parkplatz vor dem elterlichen Reihenhaus – heutzutage undenkbar. Wir hätten noch keinen Kotflügel fertig, da wären wir auch schon wegen grober Umweltverschmutzung verhaftet worden, geschweige, dass man heute noch eine Lackiererei finden würde, die auf solch einer Grundlage den neuen Lack auftragen würde.

 

Und ich mit 11, bzw. 13 Jahren immer mit dabei. Dabei entledigte sich der 1303 jeglichen Chromschmucks. Alles wurde in Wagenfarbe lackiert. Erst in Mercedes- Dunkelblau, mit Kamei - Frontspoiler und Weißwandringen. Danach in Candy- Rot, einem grellen Rot- Metallic- Ton. So musste das in den 80er Jahren aussehen. Dass der Käfer– oder die Fahrweise meines Bruders – während dieser Zeit auch einige Motoren verschliss, versteht sich wohl von selbst.

 

Trotz der aufopferungsvollen Pflege und Liebe war der Rost unerbittlich. Ende der 80er Jahre, nachdem die Batterie durch den Unterboden gerostet war und auch der Rest dementsprechende Probleme barg, blieb nur noch der Weg auf den Schrottplatz; denn 1988 war die Käfernachfrage gerade auf dem Tiefpunkt angelangt. Ich selbst machte 1990 meinen Autoführerschein und zuckelte mit dem Golf II Diesel meiner Mutter herum. Mein Traum war allerdings ein Käfer– Speedster- Umbau, möglichst von der Firma Ostermann. Es scheiterte glücklicherweise am mangelnden Geld.

 

Meine Käfer-Leidenschaft machte dann erstmal einige Jahre Pause. Ich favorisierte eher solide Autos, da ich mir keine autotechnisch gewagten Sperenzien leisten konnte. Den Traum eines Cabrios behielt ich dabei allerdings immer im Hinterkopf.

 

Neu entfacht wurde sie dann während meines Studiums durch einen ziemlich mitgenommen aussehenden VW- 1303- Speedster- Umbau, den ich zufällig bei einem windigen Autohändler entdeckte. Ich war begeistert! Das war genau das, was ich immer wollte. Ein Original- Cabrio war mir zu teuer und auch nicht so extravagant wie ein Speedster. Aber dieser hier war mit 3600 DM – auf den ersten Blick jedenfalls – sehr günstig. Da störte auch nicht der türkise Lack und das morsche Dach.

 

In den folgenden Wochen brach bei mir eine regelrechte Speedster- Hysterie aus die darin mündete, dass ich mir das Kerlchen tatsächlich einmal anschaute, ohne die Finanzierungsfrage überhaupt schon ansatzweise gelöst zu haben. Das war dann aber auch gar nicht mehr nötig. Die Karre war  viel zu teuer. So viel konnte ich auch damals schon mit meinem kleinen Käfer- Einmaleins beurteilen. Abgesehen davon hatte ich jetzt einen Speedster- Umbau zum ersten Mal aus der Nähe gesehen. Dann lieber ein echtes Karmann- Cabrio, dachte ich mir. Natürlich ein 1303, das war ja klar. Da ich im Geiste schon so weit war, mir ein Cabrio als Zweitwagen zuzulegen, guckte ich nun konkret nach Käfer-Cabrios. Aber nicht lange, da die Preise für mich utopisch waren. Ich war Student. Ich konnte mir nicht mal den vermurksten Speedster- Umbau leisten. Da brauchte ich nach einem richtigen Cabrio gar nicht zu schauen. Damit hatte ich mich dann glücklicherweise auch einigermaßen schnell abgefunden.

 

Die Käfer-Leidenschaft war aber nun wieder voll entbrannt. Es wurden Käfer-Bücher gekauft und jeder Käfer auf der Straße wurde mit einem Begeisterungsschrei zur Kenntnis genommen, wodurch meine damalige Freundin und heutige Ehefrau dem Wahnsinn schon recht nahe war. Trotzdem dauerte es noch Jahre bis ich dem Gedanken, mir ein 1303 Cabrio zuzulegen, auch konkret Taten folgen lassen wollte.

 

Im Herbst 2003 fing ich an, die Kleinanzeigen im Internet und in der Zeitung zu verfolgen. Zuerst noch relativ unbestimmt, einfach in der Hoffnung ein günstiges Schnäppchen zu ergattern, was sich aber als blauäugig herausstellte. Wenigstens war ich mir während dieser „Findungsphase“ über das konkrete Aussehen meines neuen Lieblings klar geworden: es sollte ein 1303 Cabrio in der US- Ausführung sein. Und dabei am liebsten die späteren Jahrgänge ab 1974, da diese mit den „dezenten“ US- Stoßstangen ausgestattet waren sowie möglichst mit grün getönten Scheiben.

 

Das hatte die Suche natürlich nicht unbedingt leichter gemacht. In dem Preissegment, in dem ich mich befand, war die Auswahl von vorn herein relativ überschaubar, sofern man nicht nach Wracks suchte. US- Modelle waren aber noch viel seltener darunter zu finden. Eigentlich gar nicht! Bis Anfang  2004 sollte dieser Zustand auch so bleiben. Erst danach wurde meine Suche konkreter. Allerdings hatte ich mich zu dem Zeitpunkt auf das 1303 Cabrio im Allgemeinen beschränkt. US- Versionen waren spärlich gesät und preislich jenseits von gut und böse – jedenfalls für mich.

 

Es folgte eine frustrierende Zeit. Entweder waren die Kisten viel zu weit weg oder der Zustand war schon in der Beschreibung äußerst fragwürdig. Zudem ärgerte ich mich darüber, dass ich nicht auf eine Hamburger Anzeige reagiert hatte, in der ein türkis / perlmuttfarbener 1303 als US- Version mit grün getönten Scheiben feilgeboten wurde. Dieser war im Internet zu finden gewesen. Der geforderte Preis allerdings auch etwas zu hoch für mich. Aber diese Anzeige war nicht mehr da…

 

Ich hatte mir nun einige Fahrzeuge angesehen. Unter anderem ein dunkelblaues US- Cabrio, wofür ich bis in die Gegend von Dortmund gefahren war. Ein grauenhaft zusammen gespachteltes Machwerk. Der Motor nicht mehr der original AJ- Einspritzer, sondern irgendwann einmal auf Doppelvergaser umgebaut. Auch der Rest des Fahrzeugs zeugte nicht von viel Fachverstand und Pflege. Am Telefon klang der Zustand allerdings weitaus besser. Es folgten noch diverse Ungetüme, die leider allesamt nur durch fortgeschrittenen Verfall von sich reden machen konnten. Zusätzlich hatte ich einige Fahrzeughalter kontaktiert, die ihr Auto entweder gerade schon verkauft hatten - oder bei denen ich aufgrund der Zustandsbeschreibung lieber gleich die Finger von ließ.

 

So neigte sich auch der November dem Ende zu und ich hatte so langsam keine Hoffnung mehr jemals einen Käfer zu finden, der einigermaßen vom Preis– Leistungsverhältnis zufriedenstellend war. Denn diese ewige Anruferei und Fahrerei war nicht nur sehr nervig, sondern auch mit meiner normalen täglichen Arbeit auf Dauer nicht in Einklang zu bringen. Von meinem Familienleben gar nicht zu reden.

 

Aber eines Tages, genauer gesagt am Mittag des 21. November, als ich mal wieder die mir schon ans Herz gewachsenen Webseiten der gängigen Autobörsen durchforstete, stieß ich auf eine mir vertraute Annonce. Angeboten wurde ein türkis / perlmuttfarbenes 1303 US- Modell Baujahr 1978. Den Text kannte ich schon, nur der Verkaufspreis war diesmal billiger als vorher. Ich rief sofort die angegebene Nummer an und machte einen Besichtigungstermin für den nächsten Abend ab. Das Auto stand in einer Tiefgarage und sollte sich in einem sehr guten Zustand befinden. Das war allerdings zunächst nur zwischen den Zeilen des redseligen Verkäufers heraus zu hören. Ich erfuhr anfangs mehr über seine beiden weiteren Autos – einen 70er-Jahre- SL sowie einen Porsche 911 Speedster - als von „meinem“ Käfer.

 

So fuhr ich dann am nächsten Tag, bewaffnet mit Geld, Digitalkamera und Taschenlampe nach Hamburg. Nach dem ich mich dann noch auf das Übelste „in der großen Stadt“ verfahren hatte, konnte ich das Kerlchen, begleitet vom Redeschwall des Besitzers, tatsächlich in Augenschein nehmen. Was ich sah, war gar nicht so schlecht. Vor allem, wenn ich die ganzen anderen Gurken als Maßstab nahm, die ich im Vorfeld begutachtet hatte. Auch der Besitzer wurde meinem vorschnellen Urteil, das ich mir aufgrund unseres Telefonats gebildet hatte, absolut gerecht! Sehr nett, aber eine Mischung aus Autoverkäufer und Versicherungsvertreter in Gestalt von Helmut Zierl und Uwe Bohm. Eigentlich genau das, wo immer Vorsicht geboten ist. Aber was sollte ich machen. Ich wollte ja nicht ihn kaufen. Da musste ich jetzt durch.

 

Der Allgemeinzustand war gut. Rost war nicht zu finden. Nur ein paar kleine Bläschen (!) am hinteren Verdeckrand. Das Verdeck selbst war das erste und in dementsprechenden Zustand. Ursprünglich war es in der Farbe „Hellsand“ gewesen, aber das war schon lange her. Jetzt war es eher aschfahl mit vielen, mit Silikon abgedichteten Löchern. Die getönten Scheiben waren gut und auch original, wie die grüne Heckscheibe zeigte. Die Windschutzscheibe sogar mit Grünkeil. Die Chromteile waren okay. Nur die 1303- typischen Leisten am Vorderwagen fehlten. Die vordere Stoßstange wies Bohrlöcher für Zusatzscheinwerfer sowie eine schlecht geflickte Macke auf, die irgendwie gelötet schien. Der nicht originale Lack hatte seine besten Tage hinter sich. Der Grundton war türkis, die Seitenteile waren – wie geschmackvoll – perlmuttfarben nachlackiert worden. Aber es gab keine Beulen. Die Türunterkanten waren gespachtelt. Ebenso die hinteren Seitenteile, wobei ich damals mehr hoffte als wusste, dass dort auch Bleche eingesetzt worden waren.

 

 

 

 

 

Der Innenraum war ziemlich verwohnt. Er beherbergte zwei ältere Recaro-Sitze (ungleich) in schwarz sowie die alte, ehemals helle Rückbank. Und einen Gestank nach altem Kunstleder und altem Vinyl. Die Holzfolie am Armaturenbrett war irgendwann dilettantisch durch Holzfurnier ersetzt worden. Der Instrumententräger wies glücklicherweise keinerlei Risse auf. Ein Radio war nicht vorhanden. Der gesamte Unterboden sah gut aus, was auch die neue TÜV-Prüfung bestätigte. Der  originale Motor lief sauber und einwandfrei. Auch etwas, das ich vorher noch nicht häufig erlebt hatte! Insgesamt überprüfte ich das gute Stück wohl fast 2 Stunden. Immer begleitet vom nicht enden wollenden Wortschwall des Besitzers, der ihn ja eigentlich gar nicht verkaufen wollte…

 

Rückblickend weiß ich, dass ich zuviel für meinen Käfer bezahlt habe. Ich hatte ihn durch die Rosarote– US– Cabrio- Brille gesehen. Aber ich bereue den Kauf auch heute noch nicht. Trotz des Zustandes hatte ich genau den Käfer gefunden, den ich unbedingt haben wollte. Alle anderen hätte ich immer mit dieser Version gemessen.

 

Zwei Tage später fuhr ich dann mit dem Zug nach Hamburg, um meine Neuerwerbung nach Bremen zu überführen. Ich war einigermaßen aufgeregt, denn in diesem Jahr setzte der Winter schon recht früh und hart ein. Es hatte schon in den Wochen zuvor Regen, Schneefall und ziemliche Kälte gegeben. Dieser Tag war kalt und sehr diesig. Aber glücklicherweise nieselte es nur zeitweise. Des Weiteren wusste ich nicht, ob der Käfermotor auch die Fahrt nach Bremen durchhielt. Der Vorbesitzer hatte mich zwar von der Zuverlässigkeit überzeugen wollen, aber der konnte mir ja viel erzählen. Zudem war ich in meinem ganzen Leben noch nicht einmal Käfer gefahren! Ich hatte auf VW Golf II gelernt und hatte auch nie etwas „schlechteres“ unter dem Hintern gehabt. Aber die Rückfahrt verlief glücklicherweise absolut problemlos. Das Käferchen schnurrte mit konstanten 90 – 100 km/h über die Autobahn – nun ja, dafür hatte ich ihn ja auch nicht gekauft.

Allerdings hatte ich anfänglich noch ein paar Schrecksekunden zu überstehen. Nachdem ich auf die erste Kreuzung zufuhr, versuchte ich meinen Boliden abzubremsen und zwar so, wie ich das vorher auch immer getan hatte: mit sanftem Druck auf das Bremspedal. Und was passierte? Genau, nichts! Unbeirrt setzte der Käfer seinen Geradeauslauf fort. Bremswirkung Fehlanzeige. Hier war rohere Gewalt notwendig. Nachdem ich mich aber an diesen Umstand gewöhnt hatte, war es auch für mich ein mehr oder weniger Leichtes, die Urkraft des 50- PS- Boxers zu bändigen.

 

Es folgte meine erste Käfer-Saison. Das Kerlchen fuhr problemlos. Aber ich konnte meinen Schatz nur bei absoluter Trockenheit fahren. Das löcherige Dach ließ durch das neuerliche - und für das alte Material wohl ganz ungewohnte Auf und Zu, stark an Dichtigkeit zu wünschen übrig. Genauer: die Löcher wurden immer größer und immer mehr kamen dazu. Eine Instandsetzung war unausweichlich.

 

Ursprünglich wollte ich lediglich eine neue Dachhaut aufziehen und die grüne Außenfarbe erstmal so lassen. Ein Kuriosum bei diesem Lack war, dass man den genauen Farbton gar nicht beschreiben konnte. Je nach Sonnenlicht wirkte es grünlich oder bläulich. Und dann immer im Zusammenspiel mit den perlmuttfarbenen Seitenflächen!

 

Nach reiflicher Überlegung entschloss ich mich dann aber doch zu einer Komplettlackierung in meiner Wunschfarbe, inklusive eines neuen Daches. Dabei handelte es sich tatsächlich um einen komplett neuen Dachaufbau mit allen Schikanen. Also 3lagig: Außenhaut, Dämmung und Innenhimmel. Bei meinem Dach war nichts mehr zu retten. Außer der grünen Heckscheibe und dem Verdeckgestänge war das alles nur noch Schrott. Der Vorbesitzer hatte auch schon an der Dichtigkeit mittels H&M-Tüten gefeilt…

 

In der zwölfmonatigen Restauration die nun folgte,  ging so ziemlich alles schief, was schiefgehen kann. Aber über die unzähligen Probleme, die während der Restauration mit meinem Auto, mit den Ersatzteilen und vor allen Dingen mit der Termineinhaltung, der Arbeitsmoral und Arbeitsweise der ausführenden Betriebe auftraten, möchte ich lieber den Mantel des Schweigens decken. Nur soviel sei gesagt: die Restauration hat viel mehr gekostet, als im Vorfeld veranschlagt war – von den Lebensjahren gar nicht zu reden. Allerdings ist mein US- Käfer von Haus aus etwas ganz besonderes - und rechtfertigt schon von daher diesen großen Aufwand.

 

 

 

Zum einen hatte mein Cabrio während der Produktionsphase oder beim Verschiffen nach Amerika einen kleinen Unfall. Welcher Besitzer kann das schon von seinem Auto sagen? Was genau da passiert ist, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Der Schaden war aber groß genug, dass dieser Vorfall in der Fahrzeugidentitätsurkunde vermerkt wurde, die ich mir bei Volkswagen über meinen Käfer habe ausstellen lassen. Aus diesem Grund ist es auch nicht klar, ob das Auto jemals in Amerika unterwegs war.

 

 

 

 

Zum anderen handelt es sich bei meinem Käfer laut Fahrgestellnummer um das so genannte Sondermodell „Champagne Edition II“. Und das hat auch nicht jeder!

 

Henning Rosner

 

 

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