'70 Chromobil

Anmerkung vom Webmaster:

Auf dieser Seite sollen insbesondere Autos in originalem Zustand dokumentiert werden, so wie einst vom Band gelaufen. Die Geschichte vom Chromobil soll dem Leser aber dennoch nicht vorenthalten werden. Alex Huss ist es gelungen, ein Auto im authentischen "US-Style" zu kreieren, mit liebevollen Details - vom "76 Antenna Ball" bis zu den einst in Amerika beliebten "Bumper Stickers". Die dicken Stoßstangen und die Idee, sich einen Audi im Ami-Look zu kreieren, rechtfertigen dann doch die Vorstellung auf dieser Seite.

 

 

Wie aus einem normalen Audi 100 LS Chromobil wurde ...

 

Artwork '70 Chromobil

 

 

Zunächst einmal muß ich erklären, wie der neuerfundene Name Chromobil entstanden ist und was er bedeutet. Mitte des Jahres 1993 tauchten in den Münchener Anzeigenblättern wieder einmal alte Audi 100 auf, die für wenig Geld angeboten wurden. Zuerst schaute ich mir einen gelben '74er Audi100 GL 2-türer mit roten Sitzen an, der gar nicht mal so schlecht war, aber dann doch an jemanden anderen verkauft wurde, weil ich eigentlich kein Auto brauchte und ein entsprechend geringes Gebot abgegeben hatte (welches trotzdem einigermaßen dem Wert des Autos entsprach). Die Autos waren billig, weil sie keiner mehr haben wollte, d.h. wir reden hier von Preisen zwischen 200 und 700 Mark. Mehr aus Langeweile schaute ich mir den nächsten Kandidaten an, der so ziemlich alles hatte, was ich nicht wollte, außer der Farbe vielleicht. Es war ein '74er Audi 100 (kein L, kein LS und erst recht kein GL – einfach nur nur ein "100") in tibetorange und mit grünen Sitzen. Er hatte 85 PS, Mittelschaltung, 4-türen, und war somit ein Modell mit der alten Technik, inklusive der schlecht erreichbaren innenliegenden Bremsen, und der neueren Optik. Noch heute ist das sogenannte „Zwittermodell“ eher das unbeliebtere Modell, denn es vereint die Nachteile der alten Technik samt dem vorderen anfälligeren Fahrwerk mit der eckigeren Front der facegelifteten Karosserie, die einfach nicht mehr so hübsch und klassisch aussieht, wie die der älteren Modelle bis '73. Der Verkaufspreis sollte 250 Mark sein.

 

Ich schaute mir den Wagen also an, machte eine Probefahrt und entschied danach, mich nicht weiter dafür zu interessieren, denn ich brauchte ja kein Auto, weil ich noch den '82er Audi 200 5E (siehe Geschichte: High School Zeit) in Betrieb hatte und der alte 100er TÜV-fällig war und einiges an Arbeit verlangen  würde.

 

Ich kann nicht mehr sagen, ob noch am selben Tag oder in den darauf folgenden Tagen der Anruf des Verkäufers kam und dieser mich fragte, ob er mir den Wagen schenken könne, denn er müsse aus München wegziehen und hätte keine Zeit, sich um die alte Kiste zu kümmern. Naja, da kann niemand nein sagen, und so kam es, dass er den Wagen gleich nach dem Gespräch sogar noch zu mir nach Hause fuhr und persönlich bei mir ablieferte (was sich übrigens 7 Jahre später nocheinmal mit einem '75er Audi 100 L wiederholte). Es kostete einige Zeit und Aufwand, bis ich den Wagen durch den TÜV gebracht und angemeldet hatte. Nach einer ausgiebigen Politur glänzte der Lack und vor allem die Chromteile sehr schön und weil ich sehr stolz war, das ganze durchgezogen zu haben, sprach ich anfangs immer vom blitzenden „Chrom-Mobil“, quasi ein Mobil mit viel Chrom. Auf Dauer wurde mir der Name zu lang und so vereinigte ich die zwei Wörter zu einem einzigen Namen. Nach gewisser Zeit verschlechterte sich allerdings der optische Zustand des Wagens nach Parkremplern und einem fremdverschuldeten Unfall. Auch der Rost setzte dem Wagen zu und so entschied ich mich, noch ein paar gute Teile zu retten und ersetzte diese durch wirklich schlecht aussehende Teile. Jetzt sah er erst recht ziemlich mies aus (heute würde man „Ratte“ sagen) und langsam wurde das Wort Chromobil zu einem Synonym für ein angewanztes und runter gerittenes Fahrzeug, das zumindest optisch nicht mehr annähernd der Werksauslieferung entspricht, mir aber umso besser gefällt. Diese „Zweitbedeutung“ gilt auch heute noch. Anfang 1996 segnete das erste Chromobil (offizieller Name: Chromobil 74) das Zeitliche und verschwand von dieser Welt in den Audi-Himmel.

 

So ergab es sich, dass ich ab ca. Mitte 1996 kein Alltagsauto mehr hatte, nachdem der Audi 200 Ende 1994 verkauft wurde und Chromobil 74 nicht mehr unter den Lebenden weilte. Für den Sommer hatte ich noch Omas '74er Opel Ascona A, der aber auf keinen Fall ein Alltagsauto für die Zukunft und schon gar keines für die schlechte Jahreszeit sein sollte. So fand ich Ende '96 wieder einen Audi 100 in Rosenheim, holte ihn nach Hause und wollte mit dem Herrichten beginnen, als sich auch da herausstellte, daß der Wagen absolut nicht zu retten war. Da wäre Chromobil 74 noch weniger Arbeit gewesen, und bei dem war schon u.a. der linke Boden längsseits komplett vom Schweller losgerostet. Schade, denn es war ein '70er Audi 100 Grundmodell mit Lenkradschaltung und Schiebedach. Also ausschlachten und weg damit.

 

Nun stand bei einem der vielen Fähnchenhändler an Münchens berüchtigter Wasserburger Landstraße schon seit seit ca eineinhalb Jahren ein '70er Audi 100 LS 2-türer mit einem verblassten Schildchen für 7000 Mark auf der Kiesfläche. Das erzeugte jedes Mal ein Grinsen bei mir, wenn wir sonntags Autos gucken gingen und daran vorbei schlenderten. Irgendwann war zufällig einer der Verkäufer persönlich auf dem Platz anwesend und nach einem kurzen Wortaustausch wollte er „bloß“ noch 1200 Mark haben, wohlgemerkt für ein Fahrzeug, das seit Ewigkeiten dort herumstand, derssen Brief abgelaufen war und offensichtlich einiges an Arbeit benötigte. Als sich abzeichnete, dass der Rosenheimer 100er nicht mein neues Alltagsauto werden würde, bin ich dort erneut vorstellig geworden, um das Thema noch einmal anzusprechen, denn es war abzusehen, dass kein normaler Mensch den Wagen jemals kaufen würde (schon gar nicht zu diesem Preis). Da der Dealer nicht da war, rief ich dann noch zwei Mal an, bis ich den richtigen an der Strippe hatte. Es entstand ein kurzes Gespräch; er wollte 400, ich lehnte sofort und entschieden ab und bot mit tiefster Ernsthaftigkeit 250 Mark, und keinen Pfenning mehr. Tatsächlich hätte ich auch nicht mehr bezahlt! Das muss wohl auch entsprechend so rübergekommen sein, denn er sagte bloß noch: "Hol' die Kiste bloß ab!". Wie er mir dann später erzählte, wäre der Wagen in den nächsten Tagen sowieso auf den Schrott gekommen. Abholen ging dann leichter als gedacht: Wasser in den Kühler, Batterie rein, Sprit in den Vergaser und die Karre lief. Wir haben uns selber gewundert!

 

California Love

 

 

Daheim ging es dann gleich los mit dem Herrichten. Front- und Heckblech wurden irgendwann schon vorher einmal getauscht, mir blieb jetzt der 100er-typische Rest. Scheinwerfertöpfe, A-Säulen komplett, Schweller , Teile des Bodens, etwas an den Radläufen und natürlich die hinteren Endspitzen und Seitentaschen. Bis auf die Töpfe und die Säulen musste ich die anderen Blechpartien im Laufe der Zeit mindestens 1-2 Mal neu schweißen. Das untere Heckblech kam zwischendurch auch mal dran. Der Winter ist echt unerbittlich, besonders hier in münchen, wo soviel Salz gestreut wird. Nur die Türen und die Kotflügel, sowie Motorhaube und Heckdeckel), sind erstaunlicherweise noch dieselben wie bei der Abholung.

 

 

 

Bäume und Himmel passen nicht - bitte denken Sie sich die Palmen und den blauen Himmel!

 

Als Spezialist für alte US-Audis war für mich von Anfang an klar, dass der Wagen nicht einfach nur ein Alltagswagen für Sommer und Winter sein sollte, sondern optisch ein US-Modell werden musste, um meine Affinität zu Kalifornien zu unterstreichen. Also baute ich mir den Wagen so, wie ich ihn haben wollte, damit er nicht nur lässig aussehen, sondern auch im Alltag nicht gleich wieder zerfallen sollte.

 

 

Das Kunstprojekt "Chromobil" rettete diesen F104 vor der Schrottpresse

 

 

Hier sind die Veränderungen, die den Wagen zu dem Chromobil 70 (so der offizielle Name) machen, wie ihn die Szene kennt:

 

Umbau von Mittelschaltung auf Lenkradschaltung, Heraustrennen der Dachhaut und Einsetzen einer Dachhaut mit Schiebedach (beide Teile vom Rosenheimer 100er) , Dachfarbe weiß mit grüner Karosserie; verstärkte und hochgestellte Hinterachse (mittlerweile mit Porsche 911 Federn), tiefe Coupé Federbeine vorne, Elektrolüfter, längeres 100 GL Getriebe, Fellsitzbezüge im Kuhdesign, Temperaturanzeige vom '69er Modell, kleiner Drehzahlmesser, Doppelscheinwerfer, selbstgebauter Haubenöffnungshebel, Einbau einer Heizung vom '75er Modell mit außenliegender Zufuhrregelung, 80-Ampère Lichtmaschine, selbstgebaute Innenkotflügel, zusätzlicher Schutz der Lenkmanschetten, modernes CD-Radio im Handschuhfach mit Subwoofer im Kofferraum, grüner Wohnzimmerteppich und Neon-Fußraumbeleuchtung.

 

Trash oder Art? Oder Trash-Art?

 

 

Mit folgenden spezifischen US-Teilen , die ich zum großen Teil auf Schrottplätzen und  in alten Werkstätten in Los Angeles gefunden habe, wurde das Projekt "Chromobil 70" umgestzt:

 

dicke US-Stoßstangen mit selbstgebauten Haltern und Karosserieverstärkungen, dazu originale Stoßstangenhörner, dunkelgrünes F-Colorglas (einziges Teil mit gewissem Wert), Meilentacho, rote US-Rückleuchten, Sidemarkers, kleine Ami-Kennzeichen hinten und vorne samt speziellen Kennzeichenhalterungen, Gaspedal im Fußdesign, Radio- und Aschenbechereinsatz (den es nur für die US-Modelle gab), Klimaregler, diverse Originalaufkleber von US-Firmen und Radiostationen, Hupe von einem '72 er Cadilla, spezielle Warnsirene zur Simulation von US-Polizeisirenen, Fußmatten im Flammendesign, Eyebrows an den Scheinwerfern.

 

Die Stoßstangenhörner gab es einst von "Autobahn", der Zubehör-Devision von Audi of America

 

 

Einige kleine Veränderungen werden wohl demnächst noch stattfinden, z.B. ist ein neuer Motor (inklusive US-Weber-Vergaser mit Solex-Optik speziell für die 100er) in Arbeit, alle Audi Embleme sollen durch Chromobil-Embleme ersetzt werden, neue Scheinwerferfassungen für 4-fach Standlicht, 4-fach Abblendlicht und 4-fach Fernlicht liegen schon bereit (ein entsprechender zusätzlicher Sicherungskasten entsteht gerade) und vier Zusatzinstrumente sind in Planung. Grundsätzlich bleibt der Wagen aber so wie er ist und schon seit vielen Jahren gefahren wird. Er hat ca. 390.000 km auf dem Tacho (deswegen der neue Motor – der jetzige braucht fast genauso viel Öl wie Sprit) und er fühlt sich im Vergleich zu Fahrzeugen mit weniger als 100.000 km richtig „ausgelutscht“ an.

 

 

Nach 390.000 km steht demnächst die Motor-Scheidung an

 

 

Er ist ein Outlaw, denn die Polizei in München mochte den Wagen bis vor ein paar Jahren gar nicht, aber seit der Montage des H-Kennzeichens werde ich nicht mehr 1-2 Mal pro Woche kontrolliert und unterschwellig als haschrauchender Spinner behandelt. Bei den Spießern unter den Audi-Fans war und ist der Wagen bei Treffen auch nicht gerade beliebt. Passanten auf der Straße aber finden Chromobil sehr lustig und bringen das auch zum Ausdruck. Wer die Kiste einmal bewusst in Action gesehen und gehört hat (lauter Auspuff und vor allem die heftig klappernde Hinterachse), vergisst ihn nicht mehr, und so werde ich auch diesbezüglich öfters angesprochen. Weil ich seit 1997 mit dem Wagen unterwegs bin, ist er in München bekannt. wie ein bunter Hund. Überraschenderweise erfährt der Wagen hier deutlich mehr Sympathien als mein '71er Audi 100 GL im Topzustand.

 

Wie der Webmaster dieser Seite einmal formulierte, muss man Chromobil 70 als Gesamtkunstwerk betrachten und Bedenken bezüglich der Optik beiseiteschieben. Originalitätsverfechtern mögen bitte anerkennen, daß es erstens durchaus noch genügend schöne 100er gibt, zweitens der Wagen sowieso verschrottet worden wäre und er drittens mit normalen und vernünftigen Mitteln nicht mehr in einen schönen und originalen Zustand hätte restauriert werden können. Für die verbleibende Audi-Flotte ist das so gesehen kein Verlust, aber er  wird so immerhin noch auf der Straße gehalten Daher wird um milde Kritik bei denen gebeten, die den Zeigefingerhebern erheben möchten.

 

 

Statt auf dem Pacific Coast Highway cruist Chromobil auf dem Mittleren Ring

 

 

Ich wollte immer ein auffälliges „Bastel-Auto“ in Form eines US-100er fahren und hier habe ich das perfekte Fahrzeug dafür gefunden. Leider  ärgert und nervt er mich auch mehr als ausreichend. Wenn ich dann mit Ausschlachten und Schrottplatz drohe, funktioniert er meistens wieder (siehe alte Herbie-Filme), aber trotzdem habe ich schon öfters darüber nachgedacht, das ganze aufzugeben und den Wagen zu verkaufen (es gab und gibt tatsächlich Leute, die Chromo übernehmen würden, man stelle sich das vor!!). Guten Gewissens könnte ich das fast nicht machen, ohne vorher wenigstens 10 Mal eindringlich davor gewarnt zu haben. Schätzungsweise schon nach nur drei Tagen kämen wohl die ersten Anrufe vom neuen Besitzer bezüglich Tipps zu aktuell auftretenden Problemen. Ich habe keine Ahnung, was die Leute freiwillig zahlen würden, aber der Wagen ist sicherlich am unteren Ende der Preisentwicklung angekommen und daher ein "50/100 Euro – Fahrzeug", abhängig vom Füllstand des Kraftstofftanks. Wenigstens brauche ich keinen weiteren Wertverlust jährlich abschreiben! 

 

 

Angst vor Diebstahl muss ich auch nicht haben, selbst wenn er öfters mal nicht abgesperrt auf der Straße steht, denn wer den Wagen klaut, ist selber schuld. Erstens bekommt man ihn nicht so leicht zum Fahren (eine gewisse Bedienungsabfolge ist zwingend notwendig, sonst kommt man nicht weg oder nicht weit), und zweitens ist er so auffällig, dass er schnell gefunden werden würde. Die Teile von dem Wagen sind auch unverkäuflich (weil zu stark verbraucht) bzw. würden auf ebay als Chromobil-Teile erkannt werden.

 

In L.A.  völlig normal, im konservativen München durchaus eine Provokation!  Das "H" zeigt: Zeiten ändern sich!

 

Auf der anderen Seite kann ich mich nicht dauerhaft in einem modernen Plastik-Elektronik-Auto mit eingeschränkten Platzverhältnissen sehen. Dies denken meine Bekannten ebenso, die mich eigentlich nur mit dieser Kiste kennen. Weil ich keine großen Strecken und Distanzen fahre, komme ich auch mit dem Spritverbrauch zurecht und die Kosten sind erträglich. Auf diese Weise kann ich wenigstens  immer mit meinem Oldie herumfahren, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, ein guten Wagen für meine Spielereien missbraucht und verschandelt zu haben.

 

Und so wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als weiterhin Chromobil zu fahren, denn ich gebe zu, es macht mir immer noch (fast) jedes Mal Spaß, damit unterwegs zu sein. Nur die Hauptrolle in einem großen und erfolgreichen Film steht noch aus, aber das kommt sicher auch noch.

 

Alex Huß

 

 

... von dieser Stoßstange sollte man sich besser fern halten!

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